Weihnachtsbeitrag

14. Beitrag

Ich habe heute, weil ja Heiligabend ist, einen kleinen Weihnachtsbeitrag für Sie geschrieben. Klein, weil ich noch nebenher ziemlich beschäftigt war, die letzten Geschenke so gut wie möglich in Geschenkpapier zu wickeln, den Christbaum, eine kleine, edle Nordmanntanne aus Plastik, zu schmücken (, muss man nicht jedes Jahr neu kaufen) und ein paar Plätzchen zu backen, weil ich die, die ich von meiner Nachbarin bekommen habe, schon aufgegessen hatte. Es ist eine Weihnachtserinnerung von mir aus meiner Kindheit, die ich nie vergessen habe und Ihnen gerne erzählen möchte:

 

Ich war dreizehn und wollte Weihnachten mal bei meinen Verwandten in Belgien feiern. Mal etwas anderes erleben, weit weg von dem Elternhaus, was mich zu dieser Zeit immer wieder ankekste. Abends dort angekommen, musste ich erst einmal meine Augen schließen. Das grelle Licht der arg übertriebenen Weihnachtsbeleuchtung am Haus, im Garten und an der Garage überwältigte mich. Hätte ich doch nur meine coole Sonnenbrille mitgenommen, aber meine Mutter meinte ja: "Die brauchst du im Winter nicht." Jaja so viel zu diesem Thema.

"Markus, schön dass du da bist", hörte ich meine Oma sagen (sie konnte fließend deutsch sprechen), bevor ich ihre Umrisse auch erkannte. Sie drückte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange. Wie ich das hasste. Aber meine Oma machte das trotzdem immer wieder, wenn sie mich begrüßte. Dann umarmte mein Opa mich und führte mich ins Haus meiner Großcousine Yvonne. Fast mein ganzer Verwandtenclan saß bereits am gedeckten Tisch und wartete aufs Festessen. Was es genau zu essen gab, habe ich vergessen. Das merkt man sich als dreizehnjähriger Scrag nicht. Es war jedenfalls sehr lecker und ich freute mich, mal wieder meine ganzen Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, meine Großeltern und den Rest zu sehen. Nach Belgien kam ich in der Regel nur einmal im Jahr zu Besuch. Und noch mehr freute ich mich auf die Bescherung nach dem Essen, die ich in deutscher Tradition bekam. In Belgien werden die Geschenke meist am 6. Dezember untereinander verteilt. Somit war ich der Einzige, der Geschenke bekam, was ich als kleiner Angebertyp und Aufmerksamkeitsjunkie sichtlich genoss. So konnte ich unter den neidischen Blicken der anderen Kinder und den amüsierten der Erwachsenen, eine Carrerabahn, einen neuen Gameboy, Stricksocken, eine Uhr, zwei Bücher, eine Winterjacke und einen elektrischen Zug von Lego auspacken, sowie jede Menge Geld einsacken. Meine Güte war ich stolz in diesem Moment. Stolz und glücklich.

Plötzlich riss mich die fünfjährige Tochter meiner Großcousine Yvonne aus meiner Trance und überreichte mir ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Ich dachte "Was ist das?", wollte aber höflich bleiben und entfaltete das Papier. Es war ein selbstgemaltes Bild der Kleinen, das eine Krippe zeigte, in der Maria und Josef über dem Jesuskind gebeugt standen (die Namen standen über den Personen geschrieben) sowie einen Kometen, der hoch über der Krippe leuchtete. Und als ich das Bild so betrachtete, schämte ich mich für mein Verhalten, für meine Gier nach teuren Geschenken, mit denen ich angeben konnte, und war gleichzeitig so berührt von dem Bild der Fünfjährigen. Es ist bis heute eins der mit schönsten Geschenken, die ich in meinem Leben bekommen habe. Mit gesenktem Blick sagte ich zu ihr leise: "dank u wel" (zu Deutsch: danke).

 

Ich habe das Bild noch heute. Es ist aufbewahrt in einem großen Schuhkarton, mit anderen Erinnerungsstücken und ich hole es jedes Jahr zu Weihnachten heraus, um mir die Erinnerungen an dieses Ereignis ins Gedächtnis zu rufen.

 

 

Gruß, Scrag

 

 

© Markus Gerbl, 2013