"Schärfer als die Realität" - Dann bin ich lieber kurzsichtig

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Heute wird nicht mehr getratscht, sondern getwittert, die Wartezeiten per Smartphone überbrückt oder es werden schlechte Erdkundekenntnisse dank "TomTom" überspielt. Vorausgesetzt man updatet Letzteres regelmäßig mit neuem Wissen – keine Sorge, nicht mit dem eigenen, sondern mit dem aus dem Netz.

Wir surfen durch eine sich immer schneller drehende, virtuelle Welt. Werden mit Sprüchen wie: "Schärfer als die Realität" konfrontiert und ich frage mich ganz ehrlich, wie blind manche für die Realität schon geworden sind.

 

Ich gehöre zu denen, die den Fortschritt der Technik nur bedingt nutzen. Klar, ich habe Internet auf meinem Laptop – ohne geht heute ja schon gar nicht mehr und die Vorteile, die das Internet zum Beispiel für "Hobbyautoren" wie mich bietet, will ich mir nicht entgehen lassen, geschweige denn dass ich Dokumentationen via Youtube anschaue, da ich keinen Fernseher besitze oder das Internet zum Chatten brauche. Freunde treffe ich aber am Liebsten immer noch Real. Auch habe ich ein Handy, aber der alten Generation: damit kann ich telefonieren und SMS schreiben. Mehr nicht. Nicht fotografieren, kein Internet to go, keine Apps. Und somit auch keine Möglichkeit mich im Falle des Verlaufens von meinem Handy aus dem Sumpf ziehen zu lassen.

 

Fast schon vergessen die Zeiten aus meiner Kindheit, als Musik noch aus simplen Radios streamte… sorry strömte und ich auf Kassetten Rolf Zuckowskis Gesang lauschte, bis ich auf die Idee kam, mal zu testen was passiert, wenn ich das Band in der Kassette knicke. Rolf Zuckowski fing an zu stottern bevor er kurz darauf verstummte. Bandsalat und Ärger mit meinen Eltern waren die Folgen. Ja, da gab es noch Familienkonferenzen am Esstisch und nicht per Skype-Video-Konferenz. Okay Letzteres ist jetzt etwas übertrieben von mir, aber glaubt mir liebe Kinder und Jugend von heute: damals dauerte das Hochfahren eines PCs wirklich noch länger als eine Elternkonferenz. Und das will etwas heißen.

 

Aber heute muss alles immer schneller gehen. Informationen müssen sofort ins Netz, bevor sie überhaupt richtig ausgereift sind, und teils gierig geliked oder angeprangert werden. Sehr wirkungsvoll sind Unfallbilder mal eben auf dem Weg zum Krankenhaus aus dem Krankenwagen gepostet, um sein Image zuerst zu pflegen. Die Verletzungen können schließlich warten oder werden einfach mal als zweites Bild hinzugefügt. Geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid.

 

Ich brauche das ehrlich gesagt nicht und egal wie oft ich von anderen auch höre, ich solle mit der Technik mitgehen: ich ziehe nur das wirklich Nötigste für mich heraus und das, was sich leider nicht mehr vermeiden lässt und lasse die anderen machen, was sie für richtig halten. Wenn Eltern ihren siebenjährigen Kindern schon Smartphones und eigenen Fernseher geben, bevor sie überhaupt richtig Fahrrad fahren oder schwimmen können, dann sollen sie es machen. Ich halte es nicht für richtig, aber ich halte mich da heraus und bin heute nicht Scrag, der Erziehungsberechtigte. Ich will lediglich mal in Kürze aufzeigen, was der Fortschritt der Technik und vor allem der virtuellen Welt mit uns macht. Auch mit mir.

 

 

Also in diesem Sinne: Kontrolliert ruhig regelmäßig das "WhatsApp" der virtuellen Welt, aber verliert die Realität nicht aus den Augen.

 

Gruß, Scrag

 


© Markus Gerbl, 2014