Mein Schreiben entstand aus einer Schnapsidee

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Es war im Sommer 2002, als ich mit dem Schreiben begann. Ich, noch ein rotzfrecher Draufgänger mit vierzehn, traf mich, wie so oft, mit meinem besten Freund Lukas auf der Burgruine meines damaligen Heimatortes Staufen. Wir kannten dort eine Stelle, an der wir ungestört über dieses und jenes lästern, lachen und lamentieren konnten, ohne dass uns die Touristen hören, geschweige denn sehen konnten. An diesem Tag vertraute er mir eines seiner größten Geheimnisse an: Er verfasste seine Gedanken, Erlebnisse und Fantasien in Songtexte ohne Melodie, und meinte, ich sollte das auch mal ausprobieren.
„Aber bevor du anfängst, brauchst du einen richtig coolen Künstlernamen, der zu dir und deinem Leben passt.“
„Okay, super Sache die du da machst“, antwortete ich. „Aber ob das wirklich etwas für mich ist? Ich weiß nicht so recht…“
„Probiere es aus. Dann siehst du ja, ob es dir Spaß macht und liegt.“

Ich hörte auf seinen Vorschlag. Schon am selbigen Abend nahm ich mir ein englisches Wörterbuch (wenn schon ein Künstlername, dann aus einem englischen Begriff) und blätterte mal willkürlich darin herum, bis mir nach zehn Minuten der Begriff „scraggy“ ins Auge stach. Übersetzt ins Deutsche: u.a. zerklüftet, rau. Irgendwie dachte ich in meinem pubertären Wahnsinn, dass dies zu meinem verkorksten Leben passte und formte somit aus diesem Wort meinen Künstlernamen Scrag.
Der erste Schritt war getan, jetzt kam der weitaus schwierigere zweite. Einen Songtext zu schreiben ohne einen Hauch Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Gut mit einem Block und einen Stift, aber ohne jegliche Erfahrung und Kenntnis. Trotzdem wollte ich es versuchen und nicht gleich die Flinte ins Korn schmeißen und reimte mal ein paar kurze Gedankensätze aneinander. Dann baute ich noch einen Refrain nach jeweils acht Zeilen hinein und fertig für die Mülltonne. Auch den zweiten Versuch warf ich meinem Papierkorb zum Fraß vor. Erst mit dem dritten war ich recht zufrieden und zeigte ihn am nächsten Tag Lukas, der begeistert mir auf die Schulter klopfte und einfach nur froh war, dass ich seine Idee umgesetzt hatte. Und irgendwie hatte ich an der ganzen Sache auch meinen Spaß gefunden.

In den nächsten Monaten schrieb ich einen Songtext nach dem anderen, mal über Liebe, dann wieder über den Tod, mal humorvoll, dann wieder gesellschaftskritisch. Gerade an Letzterem fand ich so großen Gefallen, dass ich neben dem Songtexte schreiben nun auch das Rappen anfing. Ich musste erstaunlich wenigen meiner Freunde von meiner neuen Leidenschaft erzählen, um einen Kreis Gleichgesinnter zu finden. Von nun an traf ich mich wöchentlich mit der Gruppe, zu der auch Lukas gehörte, um über Gott und die Welt herzuziehen, sprich unsere Meinungen auf sehr direkter Art und Weise in gereimten Zeilen auszudrücken. Zu der Zeit war ich fünfzehn und dachte, mal groß rauszukommen als Rapper. Was ich da noch für Illusionen hatte.

Egal, mein Schreiben blieb an diesem Punkt nicht stehen, sondern entwickelte sich immer weiter. Das lag auch daran, dass ich mich nie mit einem Genre zufrieden geben konnte und immer mehr ausprobieren wollte. Mit etwa siebzehn war die Zeit reif für einen Versuch, mal mit dem Schreiben von Kurzgeschichten anzufangen. Nicht diese klassischen Schulaufsatzgeschichten, die ich schon aus der Grundschule kannte mit sämtlichen Vorgaben wie Thematik und Form, sondern pure, ungebremste Fantasie. Gesagt, getan, ich verlagerte mein Schreiben von der Lyrik (wenn man meine arg krampfgereimten Rap- und Songtexte, ohne Sinn für Metrik dem eigentlich zuordnen sollte) in die Prosa. Hier hielt ich mich auch zum ersten Mal an die unterschiedlichen Vorgaben der Subgenres: Erzählungen, Briefe, Dialoge, etc., indem ich mich interessiert darüber informierte.
Doch diese Schreibverlagerung behielt ich vorerst für mich. Irgendwie traute ich mich nicht so recht, meine Prosatexte jemandem zu zeigen. Bei meinen Rap- und Songtexten war das nie ein Problem. Schon merkwürdig.
Schließlich gab ich mir doch einen Ruck, nahm meinen Mut zusammen und ging 2008 zum ersten Mal an die Öffentlichkeit damit. Ich bekam von einer guten Freundin den Tipp, dass es ein gutes Forum im Internet gebe namens KeinVerlag. Ich meldete mich an und lud einen Großteil all meines Geschreibsels zu diesem Zeitpunkt hoch. Songtexte, Rap und Kurzgeschichten. Gleichzeitig las ich mir die Werke anderer User dort durch, fand an dem ein oder anderen großen Gefallen und lernte stetig dazu, mein Schreiben zu verbessern.

Heute stehe ich da, verfasse regelmäßig Kolumnen, bin sowohl in Prosa als auch in Lyrik gleichermaßen zuhause, hatte diverse öffentliche Lesungen und nehme an Schreibwettbewerben teil.


Gruß, Scrag

 


© Markus Gerbl, 2013