Elf Worte oder wie ich meine Schreibblockade überwand

Am gestrigen Abend bekam ich, als ich mich zwischen der Fußball-WM-Übertragung zweier Spiele in mein Emailkonto einloggte, diese Nachricht zu Gesicht:

 

Hallo,

wie geht es dir? Warum gibt es keine neuen Texte mehr von dir zu lesen?

Liebe Grüße

Lena

 

Abzüglich der üblichen Höflichkeitsfloskeln und der Anrede blieben elf Worte übrig, die mich nachdenklich stimmten.

 

Warum gibt es keine neuen Texte mehr von dir zu lesen?

 

Ich bemühte mich um eine Antwort, während im Hintergrund die Nachbesprechung der Turnierschlappe der Spanier genüsslich durchgekaut wurde. Iker Casillas, der  spanische Torwart, war gerade am Mikrofon eines Reporters ebenso um Antwort bemüht. Das bestärkte mich. Immerhin stand ich nicht unter den Augen zahlreicher frustrierter Fans.

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Beantwortung der Email:

 

Hi Lena,

mir geht’s soweit ganz gut. Und dir?

 

Pause. Ich lauschte dem Durchgangsverkehr der 30er Zone vor meinem Fenster, der trotz Tageszeit noch sehr beachtlich war. Zu beachtlich für meinen Geschmack.

 

Ich kam in der letzten Zeit nicht mehr zum Schreiben, da mir einfach die Zeit fehlte.

Wird bald wieder etwas von mir zu lesen geben.

Liebe Grüße

 

Zufrieden wollte ich die Email absenden, da platzte eine weitere Nachricht herein. Nein, diesmal nicht in mein Emailkonto. Mein Gewissen meldete sich zu Wort.

 

Gewissen: Hast du mal zwischen den Zeilen gelesen?

Ich: Wieso? Ist doch alles in Ordnung. Und überhaupt, was mischt du dich jetzt auch schon in meine Emails ein? Mal abgesehen vom Verstoß gegen das Briefgeheimnis – was gehen die dich an?

Gewissen: Jetzt lies und diskutier nicht schon wieder mit mir.

 

Säuerlich aber auch verunsichert las ich meine Antwort-Email noch einmal:

 

Hi Lena,

mir geht’s soweit ganz gut. Und dir?

Höflichkeitsprinzipien, kannst du soweit stehen lassen.

Ich kam in der letzten Zeit nicht mehr zum Schreiben, da mir einfach die Zeit fehlte.

Was ist das für eine Aussage! Hältst du sie für ganz bescheuert, oder was? Deine letzte Textveröffentlichung ist Monate her! Spartanisches Schöngerede!

Wird bald wieder etwas von mir zu lesen geben.

Eine schöne Floskel zur Beruhigung noch hinterher, anstatt mit der Wahrheit rauszurücken.

Liebe Grüße

 

Ich: Sag mal, bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen? Du kannst doch nicht einfach in meiner Email herumkritzeln!

Gewissen: Ich kritzle nicht, ich kritisiere nur dein Fehlverhalten in der Email. Du sollst endlich mal deine Augen öffnen und einsehen, dass du dich von einer billigen Ausrede in die nächste flüchtest, anstatt die Wahrheit zu akzeptieren.

Ich: Und was ist bitteschön für dich die Wahrheit?

Gewissen: Du bist lediglich zu faul mal länger an einem Text zu arbeiten, lässt dich ständig durch irgendwelche Dinge ablenken, vertrödelst deine freie Zeit und obendrein erwartest du viel zu viel von dir, weil du dich viel zu sehr mit erfolgreichen Schreibern vergleichst.

Ich: Soll ich also jeden noch so großen Blödsinn posten, der mir aus den Fingern fließt?

Gewissen: Davon rede ich nicht. Mühe sollst du dir schon geben, keine Frage, aber das was du von dir in der letzten Zeit verlangst, ist gut und gerne drei Nummern zu groß. Beispiel: Du kannst kaum dichten und willst allen Ernstes ein Sonett verfassen?

Ich: (Schulterzuckend)

Gewissen: Mal ganz ehrlich: mich wundert es nicht, dass du beim Schreiben dann solche Schwierigkeiten und Motivationsprobleme bekommst. Konzentriere dich auf das, was du kannst und nicht auf das, was andere können. Mehr will ich nicht. Oder doch. Ich will, dass du eine ehrliche Antwort in der Email verfasst. Ich schalte nun ab. War eine anstrengende Woche mit dir. Man hört sich.

Ich: Hoffentlich nicht so schnell.

Gewissen: Bitte?

Ich: Tschüss und gute Nacht, liebes Gewissen! Ich werde alles umsetzen so wie du es gesagt hast, du alte Nervensäge.

Gewissen: Das hoffe ich. Gute Nacht!

 

Genervt schnaufte ich einige Minuten durch, um nicht den Abend mit einem cholerischen Anfall zu krönen. Immerhin war Spanien aus der Fußball-WM ausgeschieden. Es gab keinen Grund sauer zu sein.

 

Verdammtes Gewissen!

 

Ich löschte meinen ersten Entwurf der Email und schrieb von Neuem los:

 

Hi Lena,

mir geht’s soweit ganz gut. Und dir?

Lass es mich mal so erklären, warum ich nichts Neues mehr schreibe:

Unbeschriebene Blätter liegen vor mir. Ich baue Schiffchen daraus, ohne sie mit einer ausgebildeten Besatzung auszustatten. Setze sie in die Strömung, aber es entflammt in mir kein Leuchtfeuer und sie zerschellen an der nächsten Biegung. Oder kürzer ausgedrückt:

Ich höhle Phrasen immer weiter aus, bis sie einstürzen und meine Motivation begraben.

Am Ende des Tages fühle ich mich selbst wie ein unbeschriebenes Blatt. Gehe wortlos zu Bett und hoffe auf den nächsten Tag, doch der Prozess wiederholt sich.

Sobald ich dagegen ein Rezept gefunden habe, gibt es auch wieder etwas Neues von mir zu lesen. Bis dahin musst du dich leider gedulden.

Liebe Grüße

 

Gerade hatte ich die Email versendet, mich ausgeloggt und mich ins Bett gelegt, da erwachte mein Gewissen schon wieder:

 

Gewissen: Ich muss dir doch noch etwas sagen.

Ich: Was ist denn jetzt schon wieder?

Gewissen: Deine jetzige Email… sie ist schon sehr übertrieben. Meinst du sie versteht deinen Metapherndschungel?

Ich: Fängst du jetzt schon wieder an mich zu nerven?

Gewissen: Nein, ich bin froh, dass du ihr die Wahrheit geschrieben hast.

Ich: Danke!

Gewissen: Und wegen Fußball…

Ich: Geh jetzt schlafen! Von Fußball hast du nun wirklich keine Ahnung.

Gewissen: Möglicherweise hast du Recht! Gute Nacht!

 

 

© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2014)