"Ich packe meinen Koffer..."

Drei Jahre bin ich nun mit meiner Freundin zusammen und dachte wirklich, ich würde mittlerweile jede Eigenart von ihr kennen. Ich wurde eines Besseren belehrt, als ich vor wenigen Tagen auf dem Logenplatz ihres Bettes live miterleben durfte, wie sie ihren Koffer für Schottland packte.
Ja, liebe Leser, heute spielen wir mal eine Runde: "Ich packe meinen Koffer und nehme mit…"
„Zwei bis sieben Pullover?“, fragte ich stutzig, nachdem ich ihre ellenlange Packliste durchforstet hatte, auf der gefühlt zweidrittel ihres Hab und Gutes fein säuberlich niedergeschrieben stand.

Eine Packliste anzufertigen, wenn man für lange Zeit ins Ausland reist, macht schon Sinn, gebe ich innerlich zu und beauftragte mein Gehirn, dies für meine zukünftigen Reisen auch prophylaktisch gegen zum Beispiel schlafsackloses Zelten anzuwenden. Was aber nicht in meinen Kopf wollte, waren die ungenauen Stückzahlangaben hinter den jeweiligen einzupackenden Gegenständen.

„Zwei bis sieben Pullover?“, fragte ich nochmals, weil mein erster Versuch an der Mauer aus Kleidungsbergen zerschellte. „Was ist das für eine Angabe? Es reicht doch vollkommen, wenn du einfach nur Pullover auf den Zettel schreibst. Du machst dir sowieso nochmals Gedanken beim Packen selbst.“
Das hat meine Freundin ja gar nicht gerne, wenn ich mich in ihrer Arbeitsweise einmische. Wenn ich dann aber noch einen klitzekleinen Verbesserungsvorschlag parat habe, wird sie zur Furie:
„Ich habe dir doch gesagt, du sollst nur vorlesen und abhaken, mehr nicht“, antwortete sie mir angesäuert.
„Man darf ja wohl mal hinterfragen?“
„Ich muss das so machen wegen der Gewichtsgrenze von 23 Kilogramm.“
Diese Erklärung musste ich mir nochmals auf der Zunge zergehen lassen, so geil war die. Das Gewichtslimit war also daran schuld, dass sie solch unnötigen Aufwand betrieb und derart ominöse Angaben schrieb? Um ein paar Milligramm des Bleistiftes mehr zu verwenden, damit er nicht soviel Gewicht einnimmt?
Die roten Flecken an ihrem Hals zwangen mich zur Rücksichtnahme und ich dachte mir meinen letzten Teil. Sie hatte schon Stress genug.

 

„23 Kilo… der Koffer ist schon so schwer… 23 Kilo… lieber das weiße oder das schwarze T-Shirt… 23… ich habe jetzt elf Socken, wo sind die restlichen… 23… 23 Kilogramm…“ – Ich konnte es nicht mehr länger mit anhören:
„Nimm doch mal deine Kofferwaage und wiege ihn. Dann weißt du es.“
„Der Koffer ist mir zu schwer zum Anheben, deshalb kann ich ihn nicht kontrollieren.“
„Ich bin auch noch da und kann diese Aufgabe gerne für dich übernehmen.“
„Ach ja, stimmt. Ganz vergessen, dass ich dich noch habe.“
„Hmhm. Ich stehe ja auch nicht auf deiner Packliste. Mit Anzahl dahinter und so. Da kann man mich schon einmal vergessen.“
„Blödmann“, sagte sie, aber musste dabei ein klein wenig Schmunzeln.

Die Freude verbesserte sich bei ihr schlagartig, als sie das Gewicht auf dem Display der Waage sah: 15,72 Kilogramm. Ihre, nicht meine. Ich setzte ein Grinsen auf und ahnte nun, was kommen würde. Ein Phänomen, was ich mehrfach bei anderen Frauen schon beobachten durfte:
Der Koffer wurde von meiner Freundin wieder wie wild ausgeleert und nun in einem neuen System gepackt, welches das Spiel "Tetris" weit in den Schatten stellte. Wo sie noch in der ersten Runde um Kubikzentimeter kämpfte, diese auszuschöpfen, sind es nun Kubikmillimeter. Jetzt war ja nicht mehr das Koffergewicht das primäre Problem, sondern das Volumen. Jede verfügbare Technik wurde angewendet: Falten, Bügeln, Quetschen, Rollen, Stopfen, und was ich vergessen habe aufzulisten.
Um es abzukürzen: Nach gefühlt einem Tag war der Koffer endlich gepackt und verriegelt.

Wenn Sie, liebe Leser, nun glauben, der Koffer stand seelenruhig bis zur Abreise in irgendeiner Ecke, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Jetzt bemerkte meine Freundin nach und nach schon Dinge eingepackt zu haben, die sie eigentlich noch brauchte. Kulturbeutel mit Zahnpflege-Utensilien, usw. Die nächste Umpack-Aktion startete.
Gehe ich bis heute zumindest mal von aus.

Ich war bereits daheim im Bett, schaute mir Wayne Carpendales "Deal or No Deal" an und überlegte mir dabei, ob auch für das Packen der 25 Geldkoffer Listen erstellt wurden. Fein säuberlich mit Bleistift niedergeschrieben, der Gegenstand Geld und dahinter in Klammer 1 bis 250.000.

 

 

© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2014)