"Köpfer" in der Sportstunde

Es war an einem Mittwoch.
Und wie an jedem Mittwoch des 7. Schuljahres standen zu Beginn zwei Sportstunden auf dem Plan.
"Viel zu früh für diese Plagerei", maulte ich diesen eingefleischten Satz müde und schlecht gelaunt vor mich hin, während meine Beine sich träge in Richtung Sporthalle bewegten. Ich wusste ja schon erfahrungsgemäß, was für "Folterprogramme" der Herr Sportlehrer uns auf dem hölzernen Boden dieser alten Halle präsentierte. Das können ja nur Bockspringen, Reck, Schwebebalken und Bodenakrobatik sein.
Das zuletzt Genannte war es dann auch.
Meine Laune ging noch mehr in den Keller. Von all diesen "Foltermitteln" war dies das Schlimmste.
"Oh Mann, wäre ich heute doch nur im Bett geblieben", seufzte ich. Doch es half alles nichts. Ich musste dem Grauen in die Augen schauen.

Einige Mitschüler hatten schon voller Eifer und Tatendrang die nötigen Matten in zwei parallele Linien nebeneinander aufgereiht, so dass immer zwei gleichzeitig die Übungen absolvieren konnten.
"Warum nicht gleich vier Linien, damit ich noch schneller und häufiger an die Reihe komme", hörte ich mich schon wieder meckern.

Nach mehreren Übungsabläufen, die mehr schlecht als recht verliefen, kamen wir bei der Flugrolle an. Zu meiner schlechten Laune hatte sich mittlerweile auch noch der Frust dazugesellt. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass ich mich an einem herrlich warmen See befinde, weitab von dieser Halle, den Übungen, den Mitschülern und dem Lehrer. Einfach unterm strahlenden Sonnenschein das Wasser am ganzen Körper spüren lassen.
"Herrlich", dachte ich und plötzlich befand ich mich an dem Ort.
Keine Ahnung wer in dieser schnellen Zeit die Mauern der Sporthalle abgerissen und an dieser Stelle den wunderschönen See ausgehoben, saftig grünes Gras gesät und Bäume gepflanzt hatte. Ich sagte leise: "Danke".
Dann vernahm ich ein leises plätschern und blickte genauer zum See. Was ich da sah, ließ mein Herz noch höher schlagen. Im Wasser schlängelte sich das bestaussehende Mädchen meiner Schule - Laura. Ihr Körper stach goldbraun aus dem glitzernden Nass. Ich sah ihre dunkelbraunen Haare, wie sie wassergetränkt schwer auf ihren Schultern lagen. Ihr makelloses Gesicht, sogar ihre zarten Lippen konnte ich erkennen. Ich war geblendet von dieser Pracht.
Plötzlich vernahm ich ihre Stimme. Sie meinte, ich solle ins Wasser kommen. Das lasse ich mir doch nicht zweimal sagen und damit mein Auftritt auch gut aussah, nahm ich etwas Anlauf und machte einen eleganten "Köpfer"...

Das Erste, worüber ich mich wunderte, war, warum ich so knallhart auf die Wasseroberfläche aufschlug. Und das Zweite, wieso so plötzlich die Nacht anbrach und ich Sterne sah. Dann konnte ich mich nicht mehr wundern...
Als ich wieder zu Sinnen kam, lag ich auf einer weichen Liege und drei Männer in rot-weißen Anzügen standen um mich herum. Ich wurde ins Krankenhaus gefahren, konnte es aber nach ein paar Stunden wieder verlassen.
"Nur eine Gehirnerschütterung", sagte der Arzt und schrieb mich für den Rest der Woche krank.

In den darauffolgenden Wochen war ich leider Gesprächsthema Nummer eins. Es wurde darüber gesprochen und, was ich viel schlimmer fand, gelacht, dass sich die Balken bogen.
Damals fand ich es nicht lustig, aber mittlerweile kann ich auch über diese peinliche Szene lachen.

 

 

© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2010)