Meine (imaginären) Tanzkünste

Wenn ich so zurückblicke, habe ich vor gut einem Jahr meinen Mund ganz schön voll genommen, als ich meiner Freundin mehrfach sagte, ich könne gut tanzen. Der Anblick ihresgleichen in dem extra für den Abschlussball ihrer Schule gekauften Cocktailkleid war einfach toll. Ich wollte unbedingt ihr Tanzpartner sein. Irgendwie konnte ich den Gedanken nicht ertragen, dass irgendein Schluffi mit meiner Freundin tanzt. Und wenn dieser auch tausendmal besser tanzen konnte als ich.

 

Jedenfalls kam am Tag ihres Abiballs die Wahrheit ans Licht, mitten im Wohnzimmer ihrer Eltern: Krampfhaftes Gezappel meinerseits, anstelle eines eleganten Schneewalzers. Jede der dabei anwesenden Personen konnte den Schneewalzer mit meiner Freundin bei weitem besser tanzen als ich, um mir zu demonstrieren, wie es richtig gemacht wird. Ich glaube, sie bereute nicht nur für einen Moment, mich als Tanzpartner gewählt zu haben, mal ganz davon abgesehen, dass sie sich sehr für mein Gezappel schämte.

Dennoch hatte ich nach zwei Stunden Übung, die mir zum Ende hin immer weniger Vergnügen bereiteten, den Bogen raus und konnte mich wacker schlagen. Von Eleganz noch keine Spur, aber ein akzeptabler Schneewalzer war es immerhin. Nur meine Freundin blieb anderer Meinung und tröstete sich damit, dass es am selben Abend noch einige andere Paare geben würde, die schlechter tanzten, als wir.

 

Am besagten Abend stieg meine Nervosität plötzlich rasant an. Ich war so zittrig, hatte schweißnasse Hände und gab einen Unsinn von mir, wie selten zuvor. Mir stand die Angst, meiner Freundin den Abiball mit meinen Tanzkünsten gründlich zu vermiesen, deutlich ins Gesicht geschrieben. Um meine Nerven etwas zu beruhigen, brauchte ich, am Veranstaltungsort angekommen, erst einmal ein Wundermittel: Alkohol. Ich kippte zwei Gläser Sekt und zwei Bier innerhalb von gut zwanzig Minuten in mich hinein und hätte es damit bei weitem noch nicht belassen, wenn man mich nicht gezügelt hätte. Gereicht hatte die Menge trotzdem, um meine Angst zu ertränken, damit ich endlich wieder meinen Mann stehen konnte, um für meine Freundin den bestmöglichsten Schneewalzer aus mir herauszuholen.

Und es gelang mir besser, als ich es gedacht hatte: Wir fielen in der Menge nicht auf.

 

Stolz auf meine Leistung, beglückwünschte ich mich mit ein paar Cocktails, die mir zuvor zur Angstbekämpfung untersagt worden waren, mit dem Ergebnis, dass meine Freundin sich doch noch auf ihrem Abiball vor ihren Freundinnen für mich schämen musste. Dass ich den Freestyle-Tanzwettbewerb gegen einen ihrer Freunde gewonnen habe, schien sie eher weniger auf meine überragenden Tanzkünste zurückzuführen, als auf die völlige Bewegungslegasthenie meines Konkurrenten.

Wieso sollte sie denn sonst immer noch so dringend mit mir zum Tanzkurs gehen wollen?

 

 

© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2013)