Meine kleine Telefongeschichte

Können Sie sich an die Zeit erinnern, als Fernseher noch adipös waren? Sie sich ärgerten, dass ihre Lieblingskassette plötzlich im Bandsalat verendete, was, liebe Kinder, nichts mit den elterlichen Kochkünsten zu tun hatte. Das Gericht, das euch vielleicht das Gefühl gibt, zu verenden, heißt Bandnudelsalat. Habe ich als Kind mit den grünen Bandnudeln, die meine Mutter sehr gerne – also immer – dazu verwendete, gehasst. Ich weiche vom Thema ab.

 

Und können Sie sich vor allem an die Zeit erinnern, als wir die Telefone, vor der Geburt der Handys und der heutigen Smartphones, noch unter Kontrolle hatten? In der Öffentlichkeit saßen sie für den Rest ihres Lebens in Zellen ein und konnten nur einer Beschäftigung nachgehen: Smart den Anrufern das Geld aus der Tasche ziehen.

Aber auch der Hörer unseres Familientelefons war ordentlich verkabelt und nicht wie heute lediglich die Basisstation, auf die nachts das eigentliche Telefon von seinem offenen Vollzug zurückkehrt, um neue Kraft zu tanken. Ein gedrehtes Kabel erlaubte mit dem Hörer vielleicht einen Freigang von zwei Metern, wenn man es zum Äußersten reizte. Unseres jedoch erlaubte das nicht. Hier wurde eines dieser gedrehten Kabel angebracht, die die nette Angewohnheit hatten, sich noch zusätzlich zu verdrehen und zu verwursten. Nicht selten hing meine Nasenspitze beim Telefonieren nur knapp über dem Telefonapparat, weil es meinem Geduldsfaden, im Gegensatz zum Telefonkabel, an Robustheit fehlte.

 

Irgendwann während der Anfangsphase meiner Pubertät bekam ich dann mein erstes Handy. Ein Modell der Marke Nokia, mit einer vierstelligen Modellnummer, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. R2D2 vielleicht? Aber egal wie das Handy hieß, es gab meinen Eltern die Möglichkeit, mich in meinem Voranschreiten noch besser kontrollieren zu können.

Ständig riefen sie mich an:

„Markus, denkst du daran um 19 Uhr daheim zu sein?“

„Ja, Papa!“

Oder auch:

„Wo bist du gerade?“

„Ich bin bei Lisa.“

„Hattest du nicht gesagt, dass du dich mit Linus triffst?“

„Beruhig dich Mama, der ist auch hier.“

„Ihr macht doch nichts Unanständiges mit Lisa?“

„Nein, Mama, wir schauen uns zusammen nur einen Liebesfilm an. Sorry, muss auflegen, wird wieder spannend. Bis später!“

 

Aber auch diese Handys sind schon lange Schnee von gestern. Wenn ich heute mit der Straßenbahn fahre, begegnen mir tagtäglich unzählige Smartphones, die förmlich an ihren menschlichen Wirten kleben. Beklemmend für mich zu beobachten.

Erst gestern ist mir ein etwa vierzehnjähriges Mädchen begegnet, die ihrem Smartphone sogar eine Stricksocke gekauft hatte. Sie selbst war mit durchlöcherter Jeans und ausrangierbedürftigem Schuhwerk bei Minusgraden unterwegs, aber wenigstens dem Smartphone ging es gut. Die fragile Seele dieser zarten Technikgeschöpfe muss wohl unbedingt geschützt werden. Ein Beispiel dazu:

Als ich noch mein erstes Handy besaß, hatte ich mal so einen Wutanfall, vielleicht wegen des grünen Bandnudelsalats, dass ich es gegen eine Glasscheibe warf. Die Scheibe ging zu Bruch, mein Taschengeld drauf, das Handy aber überlebte unverletzt.

Vor einem Jahr fiel mir mein Smartphone bei einer unkontrollierten Handbewegung vom Tisch. Ich weiß nicht, ob es der steingeflieste Boden war oder das Smartphone schon durch den Luftwiderstand zerbrach, es war jedenfalls unbrauchbar.

 

In diesem Moment wünschte ich mir das damals verdreht gedrehte Kabel zwischen Hörer und Telefonapparat sehnlichst zurück. Es war ein Ärgernis, mit dem ich ganz gut leben konnte.

 

 

© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2015)