Missverstanden

Es passierte in der vierten Klasse.

Mein linker Sitznachbar stupste mich plötzlich, mitten in der Deutschstunde, mit seinem Ellenbogen und flüsterte:
"Du hast Post."

Ich wollte es ihm erst nicht glauben. Bisher kamen Briefe von diversen Mitschülern bei mir nur an, um sie gleich an den Nächsten weiter zu reichen. Zusammengefaltete Fresszettel, die sich hauptsächlich die Mädchen im Unterricht untereinander schrieben. Begünstigt durch die optimale Brief-Transfer-Sitzordnung, die U-Form. So bemerkten die Lehrer nur selten etwas.

Ich spürte ein zweites Stupsen, energischer als das Erste und ein erneutes flüstern:
"Jetzt nimm schon."
Immer noch ungläubig, aber zugleich aufgeregt nahm ich ihm den Brief ab. Mit zittrigen Händen begann ich diesen zu seiner wahren Größe zu entfalten.
Er war von Christina.
Sie schrieb:

Findest du mich hübsch?

Darunter gab es ein Feld zum Ankreuzen für Ja und eines für Nein.

Ich wusste sofort, was ich ankreuzen wollte. Christina war für mich zu dem Zeitpunkt das schönste Mädchen in meiner Klasse. Mit ihren rotbraunen Haaren, glänzenden Rehaugen und ihrer goldfarbenen Haut hätte sie bei jedem Schönheitswettbewerb locker gewonnen. Wäre sie schon alt genug für die Teilnahme gewesen.
Doch trotz dieses klaren Bildes, zögerte ich. Ich hatte Angst. Angst vor ihrer Reaktion, wenn sie mein Kreuz bei JA sieht.
Unsicher warf ich einen Blick über die Köpfe anderer Klassenkameraden in ihre Richtung. Sie hatte sich in die Aufgaben vertieft, die uns die Lehrerin vor fünf Minuten aufbrummte. Zumindest schauspielerte sie mir das vor. Ich spürte, dass sie mich heimlich beobachtete.
Und nicht nur sie...
Ich drehte meinen Kopf hastig zu meiner linken Seite und ertappte meinen Sitznachbarn auf frischer Tat, wie er meinen Brief in den Händen hielt und las. Er blickte sofort auf und grinste über beide Backen.
"Na los, worauf wartest du? Kreuz endlich JA an."
Mit einem bösen Funkeln in den Augen schnappte ich meinen Brief zurück, machte schnell das Zeichen an der geplanten Stelle und reichte ihn zusammengefaltet wieder meinem Sitznachbarn.
"Weiterreichen bis zu Christina und nichts davon sagen, was darin steht", zischte ich immer noch böse.
"Ehm, das ist leider zu spät. Max, Johannes und Franziska haben ihn schon gelesen."
"Na toll, dann weiß es jetzt bestimmt schon die ganze Klasse, du Idiot."
"Sorry Mann, ich kann..."
"Jaja, du kannst nichts dafür", unterbrach ich ihn grob. "Du kannst nie etwas dafür."
Ich versuchte mich nun auch auf den Unterricht zu konzentrieren, doch es klappte nicht. Ein Getuschel flog durch die Bankreihen in mein Ohr und ich wusste wieso. Einige sah ich grinsen, andere wiederum schüttelten den Kopf.
Doch viel Zeit, um mir darüber Gedanken zu machen, blieb mir nicht, denn schon wieder spürte ich einen leichten Stoß und im selben Moment landete ein weiterer Brief in meinem Schoß.
"O Gott, ihre Reaktion ist da", dachte ich ängstlich, schaffte es aber cool zu wirken, während ich auch diesen ausbreitete.
Nun hatte Christina geschrieben:

Willst du mit mir gehen?

Darunter gab es nun drei Antwortmöglichkeiten. Ein Ja, ein Nein und ein Vielleicht.

"Was meint sie wohl mit der Frage?", grübelte ich und rief spontan zu ihr hinüber:
"Wohin gehen?"
Die Klasse brach in ein schallendes Gelächter aus, selbst die Lehrerin konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Mir war das so peinlich. Erstens wusste ich nun, dass die ganze Klasse Bescheid wusste von der Sache und zweitens, dass ich etwas Falsches gesagt habe. Ich wäre am liebsten aus der Klasse gerannt.

 

 

© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2010)


Nachwort:

Am 16. Juni 2016 bekam ich dazu diesen tollen Kommentar, den ich hier gerne verewigen möchte:

 

Der erste Text, den ich von dir las, fünfeinhalb Jahre ist das jetzt schon her, und nach wie vor gefällt mir diese Kurzgeschichte sehr! Eine kleine - und ich glaube wahre - Begebenheit, die so simpel aber gleichzeitig so lustig ist!

"Wohin gehen?" Kinder sind einfach gnadenlos ehrlich und naiv - das erinnert mich an eine Story, die meine Mutter immer erzählt: eine meiner Freundinnen fragte mich ganz stolz, ob mir etwas an ihr auffiele. Meine Antwort: "Du hast Dreck im Gesicht." An diesem Tag trug sie zum ersten Mal Make-Up.

Eigentlich könnte nach "Wohin gehen?" fast Schluss sein - mit der Anekdote, nicht mit der (tragischen?) Liebesgeschichte. Ansonsten würde ich - nach wie vor, ich glaube, das erwähnte ich schon einmal - eine kleine Info zum weiteren Verbleib der Turteltäubchen ganz toll finden. :-)

Alina