Moralpredigten konnte ich als Kind nie leiden

Gut, mittlerweile bin ich in einem Alter, in dem ich verstehe, wieso meine Eltern das bei mir machten: Ich hätte sonst weder Anstand noch Benehmen gelernt und so etwas wie ein schlechtes Gewissen würde ich auch nicht kennen. Dafür bin ich meinen Eltern heute sehr dankbar, aber früher war meine Einstellung dazu noch ganz anders.

Ich als Dreizehnjähriger, gerade in der Pubertät angekommen, genug Ärger mit der Bildung einer ganzen Kolonie aus Pickeln, die jede freie Stelle meines Gesichtes zu erobern drohten, verstand nicht, wieso es meine Eltern mir noch zusätzlich so schwer machen mussten. Okay, ich gebe ja zu, ich war oft rebellisch, ignorierte Regeln, suchte Streit und wollte nicht zur Schule. Ich fühlte mich erwachsen, wollte nur mit meinen Freunden abhängen, heimkommen wann ich will und nicht schon um 20 Uhr, und rauchen. Einfach cool sein und die Mädels beeindrucken.

Meinen Eltern missfiel das. Sie bestanden darauf, dass ich mich an ihre Spielregeln halte und setzten damit meinem freien Treiben ein jähes Ende mit zwei Arten von Argumentation: Vergleiche und sinnlose Elternsprüche.

 

Vergleiche

 

Oft, und das ist noch untertrieben, wurde ich nach dem Verletzen einer Regel der Hausordnung von Hotel Mama mit Kindern meines Alters verglichen. Das alleine hätte mich gar nicht gejuckt, wenn mich meine Eltern höher- oder zumindest mit ihnen gleichgestellt hätten. Aber ich sollte ja mein Vergehen bereuen und somit wurde ich drei Stufen unter sie gestellt in ungefähr dieser Form:

„Was bist du nur für ein unerzogener Bengel. Benjamin (wahlweise auch andere Freunde in meinem Alter) macht keinen Zirkus sowie du, wenn er im Haushalt helfen soll, macht seine Schulaufgaben und zieht nicht mit irgendeiner Sprühflasche los, um Eigentum eines anderen zu zerstören.“

Das Interessante an dem Tag, als ich diesen Vergleich über mich ergehen lassen musste, war, dass mein Freund Benjamin die Idee zu diesem Bockmist hatte und mit mir Stunden zuvor gemeinsam losgezogen war, um sie zu verwirklichen. Aber glaubt mir, hätte ich das als Gegenargument gebracht, hätte sich die Situation weiter zugespitzt und die Moralpredigt um mindestens weitere zehn Minuten verlängert. Lieber mobilisierte ich all meine schauspielerischen Künste, wie zum Beispiel tränenüberströmt auf Knien kriechend meine Unschuld zu bekennen und damit um Verzeihung zu betteln. Ich wollte ja möglichst keine länger anhaltenden Konsequenzen in Form von Strafen wie Hausarrest zu spüren bekommen.

 

Sinnlose Elternsprüche

 

Was aber für mich noch weitaus schlimmer war, als die Vergleiche mit gleichaltrigen Kindern, die ja alles besser machten als ich, waren diese sinnlosen Elternsprüche wie: "Ab Morgen weht hier ein anderer Wind." Wie sollte ich das als Dreizehnjähriger verstehen? Da war ich froh, wenn im Sommer überhaupt mal ein Wind durch die Wohnung ging, damit die schwüle Hitze (wir wohnten direkt unter dem Dach eines Mehrfamilien-Hochhaus) erträglicher wird. Wieso dann „anderer Wind“?

Gut, meist hatte ich, wenn dieser Spruch mal wieder fiel, also jeden dritten Tag, meine Klappe gehalten und auf Durchzug in meinen Ohren geschaltet. Doch an ein Ereignis, an dem ich genau das Gegenteil machte, kann ich mich noch gut erinnern:

An diesem Tag gab es Rosenkohl, den ich als Kind absolut nicht mochte und dessen Gestank sich bereits lange vor dem Verzehr wie eine Dunstglocke in meinem Zimmer festsetzte. Verständlich warum ich mich auch weigerte, den Tisch zu decken. Zumindest mir, meinen Eltern nicht. Irgendwann platzte meinem Vater der Kragen, woraufhin er unter anderem sagte:

„Pass auf Freundchen, ab Morgen weht hier ein anderer Wind.“

Und ich antwortete:

„Umso besser, dann kann dieser eklige Rosenkohlgestank abziehen.“

 

 

An diesem Punkt mache ich mal ein Ende, weil die danach folgende Moralpredigt die Lesezeit sprengen würde.

 


© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2013)