Vom Spicken und Ankreiden

"Hurra, hurra, die Schule brennt!" – Was hätte ich damals dafür gegeben, wenn der alte Song von der Band Extrabreit zu meiner Schulzeit Realität geworden wäre. Was für ein blöder Gedanke, so im Nachhinein. Aber vor zehn Jahren, als ich noch meist gähnend im Unterricht der Realschule saß und versuchte, dem Inhalt zu folgen, da hätte ich mir etwas mehr Abwechslung schon gewünscht. Dennoch war ich im Grunde schon froh, wenn mein Stuhl und der Lehrer nicht die zwei folgenden, gemeinsamen Merkmale aufwiesen: Unbequemlichkeit und lockere Schrauben.

Ja, es mag sich hart anhören, aber ich gehe sogar noch ein Stück weiter und behaupte, dass es sadistisch Angehauchte unter ihnen gab. Zumindest zu meiner Schulzeit:

 

Da wäre zum Beispiel mein ehemaliger Biologielehrer. Hoch gewachsene 1,65 Meter, weiße Löwenmähne um das Gesicht, die Augen winzig klein hinter eckigen Brillengläsern. Er bewarf Unterrichtsstörende, also in der Regel mich, mit einem Stück Kreide, wahlweise auch seinem Schlüsselbund. Oder meine Geschichtslehrerin (einschließlich Bartwuchs auf ihren Zähnen), die sich Gehör verschaffte, indem sie die Kreide an der Tafel absichtlich quietschen ließ. Fürchterlich. Mein Ohr hätte sich am liebsten in seine eigene Muschel verkrochen.

Aber das Allerschlimmste, was meinen Lehrern damals so einfiel, war, die ganze Klasse nach einer Klausur anhand eines Notenspiegels in eine Hierarchie zu ordnen, bevor sie die einzelnen Klausuren an uns Schüler verteilten. Bis heute habe ich noch nicht begriffen, was es für einen Zweck hatte, den Notendurchschnitt und somit die Statistik, wie viele sich in den Zweierbereich gerettet, und wie viele sich mit mir auf den hinteren Notenrängen platziert hatten, weiß auf schwarz an der Tafel zu sehen.

Es fehlte nur noch so ein Satz darunter: „Diese Angaben sind wie immer ohne Gewähr.“

 

Kein Wunder, dass ich als fauler Schüler irgendwann anfing Spickzettel zu schreiben. Das liegt ja bei diesen Foltermethoden auf der Hand. Ich holte mir Rat bei einem selbsternannten Spickzettel-Experten, meinem rechten Sitznachbarn. Er nur so: „Zettel schreiben, unauffällig auspacken und nicht erwischen lassen, Kumpel.“

Resultat: Note sechs, da ich Depp meinen Spickzettel in der doppelseitigen Klausur liegen ließ.

Ich brauchte eine idiotensichere Variante und fragte nun einen wirklichen Spickzettel-Experten, meinen linken Sitznachbarn. Er meinte: „Kleb einen Spickzettel auf die Unterseite deines Lineals. Das ist todsicher.“

Resultat: Mein Spicker konnte sich nach viel Vorbereitungszeit in Sachen Schriftkomprimierung und komplizierter Origamifaltkunst echt sehen lassen. Ich bekam meine erste vernünftige Note – eine Drei Plus.

Voller Stolz jubelte ich schon an der Türschwelle zu Hotel Mama:

„Ich habe eine Drei Plus, eine Drei Plus.“

„Und was war der Klassendurchschnitt?“, wollte daraufhin meine Mutter wissen.

„Eine Eins Komma Acht.“

„Da wäre aber noch mehr drin gewesen.“

Batsch, die Ohrfeige saß. Da konnte ich endlich einen - mäßigen - Erfolg verzeichnen, und trotzdem wurde er mir angekreidet.

 

"Hurra, hurra, die Schule brennt!" – Heute frage ich mich, ob dieser Song nicht vielleicht aus dem Frust gescheiterter Spickversuche entstand ...

 

 

© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2015)