Warum der Schlitten lieber ohne mich fährt

Bald ist wieder Winterzeit, die Temperaturen fallen langsam aber sicher zur Null-Grad-Grenze und die restlichen Blätter von den Bäumen ebenfalls. Eine besorgniserregende Erkenntnis für mich, da ich mich nun wieder sorgen muss, dass jemand mich Folgendes fragen wird:

 

"Willst du mit mir Schlittenfahren gehen?"

 

Liebe Leser und Leserinnen, ich werde Ihnen jetzt ein Geheimnis anvertrauen, dass Sie bitte streng vertraulich behandeln sollten: Ich kann nicht Schlittenfahren, was mir gewissermaßen peinlich ist.

Wenn jemand nicht Skifahren oder Snowboarden kann, ist das nichts, wofür man sich schämen sollte. Das sind Dinge, die lernt man mit etwas Mut, Selbstvertrauen und einem kleinen Vermögen für einen Ski- oder Snowboardkurs oder der billigeren Variante, dem Crashkurs eines einigermaßen gelernten Ski- oder Snowboardfahrers alias Familienmitglieds oder Freundes/Freundin. Aber Schlittenfahren ist wie genetisch veranlagt, vergleichsweise wie bei jungen Vögeln die ihren ersten Flug aus ihrem Nest antreten. Ein paar zaghafte Versuche, eine Prise Mut und los geht’s. Das kann man einfach, solange man einen gesunden Körperzustand hat.

Bei mir ist das anders. Ich kann mich zwar auf einen Schlitten setzen, habe auch keine Angst einen Hang herunter zu rodeln, dennoch habe ich nie verstanden, einen Schlitten festzuhalten, wenn ich von ihm falle.

 

Darüber gibt es ein Kindheitstrauma: Ich fuhr als elfjähriger Bub mit meinen Eltern in den Schwarzwald zum Schlittenfahren, während meine zwei Jahre jüngere Schwester einen Skikurs machte. Schon alleine das ist ein Trauma. Aber es wurde noch schlimmer. Ich nahm meinen neuen Holzschlitten, fuhr zum ersten Mal überhaupt, und gleichzeitig zum letzten Mal. Denn nach etwa einer Minute flog ich vom Schlitten und er glitt führerlos den Berg hinab. Ich rappelte mich auf, sah das Desaster und rannte schreiend hinterher.

Nach gefühlten 20 Kilometern kam mein Schlitten auf einem schneefreien Fleck zum Stillstand. Ich, völlig außer Atem, war so froh, dass dieses Weihnachtsgeschenk meiner Eltern nicht ins Nirgendwo verschwunden war. Das hätte mächtig Ärger gegeben.

Es verschwand etwas anderes ins Nirgendwo, nämlich meine neuen Winterstiefel ins Erdreich, als ich die schneefreie Fläche betrat, die sich leider als kleiner Sumpf herausstellte. Die Stiefel waren leider etwas teurer als der Schlitten, also war der Ärger mit meinen Eltern entsprechend groß.

 

Naja, und seither setze ich mich nicht mehr auf einen Schlitten, egal ob der Hang ein sichtbares Ende hat, ich mir theoretisch ja den Schlitten an meinem Arm festbinden könnte, oder ich eine Mitfahrgelegenheit bekomme, und denke mir jedes Mal, wenn ich gefragt werde: "Willst du mit mir Schlittenfahren gehen?" eine Ausrede aus, um nicht mit zu müssen. Irgendeine Erkältung, einen Termin beim Arzt, ein anderes Treffen, die übliche Palette eben.

 

Noch ist der Winter fern in Freiburg, worüber ich sehr froh bin, denn ich kann ohne Schnee und die verhängnisvolle Frage zwecks Schlittenfahrens gut leben. Dennoch kündigt er sich im Schwarzwald bereits Ende dieser Woche mit Schnee für die Höhenlagen an.

 

 

© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2013)