Warum werde ich gefragt?

Letzte Woche saß ich gemütlich auf dem Bett meiner Freundin, sie in ihren Unterlagen für die Uni vertieft, als sie nach einer Weile kurz aufschaute und mich fragte:
„Möchtest du dir gerne etwas im Fernsehen anschauen?“ Anscheinend störte sie die Stille im Raum. Ein Empfinden ihrerseits, welches ich nicht begreifen konnte. Gerade beim Lernen ist doch Stille die optimale Voraussetzung, sich zu konzentrieren. Für sie aber nicht.
„Darf ich erst einmal gucken was läuft und dann entscheiden?“, stellte ich meine Gegenfrage.
„Mach ruhig.“
Also fing ich an durch die Kanäle zu zappen, bis ich etwas für mich fand. Verdachtsfälle auf RTL. Nicht gerade die beste Sendung, aber die beste Sendung, die an diesem nachmittags 15 Uhr lief. Meine Freundin wendete zufrieden ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Unterlagen von der Uni zu.
Es vergingen kaum fünf Minuten, da meinte sie urplötzlich:
„Kannst du bitte umschalten auf Shopping Queen.“

Ich verstand die Welt nicht mehr. Wieso wurde ich vor gerade fünf Minuten noch gefragt, ob ich mir etwas im Fernsehen anschauen möchte? Das heißt doch übersetzt, dass ich mir eine Sendung auswählen darf oder etwa nicht?
Nein. Frauen meinen nicht immer das, was sie an verbaler und nonverbaler Kommunikation verdeutlichen. Die verschiedenen Bereiche ihres Gehirnes arbeiten nicht immer zusammen, vergleichsweise wie im Bundestag die Parteien. In diesem Fall das Sprachzentrum nicht mit dem Teil, der für die Logik zuständig ist. Sehr verwirrend für mich als Mann. Kein Wunder, dass ich geradewegs in ein Fettnäpfchen trat.

„Wieso Shopping Queen?“, fragte ich verdutzt“
„Shopping Queen ist eine viel bessere Sendung wie das, was du gerade schaust. Außerdem brauche ich eine andere Geräuschkulisse.“
„Ich kann ja lauter schalten, dann hast du eine andere …“
„Sag mal, bist du schwerhörig?“, reagierte sie angesäuert. Ich war mal wieder dabei, sie auf die Palme zu bringen, ohne dass ich kapierte, was an meinem Verhalten sie dazu brachte. „Ich will Shopping Queen gucken und damit basta. Das ist meine Wohnung und mein Fernseher und somit bestimme ich, was geschaut wird.“
Das war natürlich ein Argument, dem ich mich fügte. Fügen musste, um es genauer auszudrücken. Ich reichte ihr die Fernbedienung, um ihrem Befehl Folge zu leisten. Trotzdem wollte ich noch eine Sache wissen:
„Warum hattest du mich gefragt, ob ich gerne etwas im Fernsehen anschauen möchte und ihn nicht einfach gleich selbst eingeschalten?“
„Weil ich ein höflicher Mensch bin.“
„Und wenn du doch so höflich bist, wieso hast du dann doch die Macht über den Fernseher wieder an dich gerissen?“
Ich musste blitzschnell den Raum verlassen. Einer ihrer Winterstiefel verfehlte mich knapp und klatschte gegen die Zimmertür.

Aber glauben Sie, ich als Mann habe aus dieser Situation gelernt? Nein, denn wenig später, als die Stimmung sich wieder beruhigt hatte, fragte sie mich, was ich gerne trinken möchte. Ich sagte, dass ich gerne ein Glas Cola hätte. Da antwortete sie, dass Cola viel zu ungesund sei und ich entweder Orangensaft oder Wasser trinken soll.
Die erneute Diskussion erspare ich Ihnen als Leser.

 


© Markus Gerbl, 2017 (erste Veröffentlichung, 2013)