Der große Streik steht noch an

Wem als Bahnreisendem oder Pendler die letzten Tage, Wochen und Monate schon an die Nieren gegangen sind, hervorgerufen durch den auf mich machthungrig und streiksüchtig wirkenden Chef Weselsky, der darf sich darauf vorbereiten, dass dieser Mann nur das kleinere Übel in einem löchrigen System ist. Der Streik von morgen wird von den Viadukten ausgerufen, an denen zu einem Drittel schon seit der Weimarer Republik der Zahn der Zeit nagt. Wir sprechen hier von immerhin 8000 Brücken. Gesunden Optimismus seitens der Verantwortlichen kann man das nicht nennen. Immerhin ist unsere Baukunst in der Evolutionsgeschichte immer kurzlebiger geworden. Oder anders ausgedrückt: die Pyramiden von Gizeh sind in über 4000 Jahren zu gut erhaltenen „Ruinen“ geworden. Manch moderner Flughafen wird heute gleich zu einer verbaut. Aber ich schweife ab.

Fakt ist, was den Sanierungsbedarf der maroden Eisenbahnbrücken anbelangt, ist ein Kostenberg von mindestens 30 Milliarden Euro angewachsen. Brücken, die weiterhin tagtäglich teils im Minutentakt tonnenschwere Züge tragen müssen, damit Reisende heil von A nach B kommen, die wiederum kaum von der Gefahr wissen beziehungsweise die Gedanken meist darauf fokussieren, wie sie den Anschlusszug noch mit der üblichen Verspätung erreichen wollen.

Es ist ja auch nicht Aufgabe der Passagiere, sich darüber Gedanken zu machen und eigentlich sollte es überhaupt nicht dazu kommen, dass irgendjemand Eisenbahnbrücken als „dringend“ sanierungsbedürftig erachtet oder ich darüber hier meine Einstiegskolumne schreibe.

Aber lieber geben die Verantwortlichen der Deutschen Bahn das Geld in Auslandsinvestitionen wie in den Personenverkehr in England aus, weil sie hierzulande einen Umsatzrückgang befürchten (woran das nur liegen mag) oder vergraben es gleich zum Beispiel im Berliner Hauptbahnhof durch kurzfristig teure Bauänderungen, wodurch jetzt überflüssige Stahlkonstruktionen und Verglasungen im zweistelligen Millionenwert seit Jahren eingelagert einstauben.

Wie dem auch sei, es wird Zeit, mehr Geld in die Instandsetzung der Eisenbahnbrücken zu setzen, denn auch die durch die GDL-Streiks gewonnene (oder verlorene?) Zeit ist für die Lebensdauer der Viadukte nur eine geringere Verlängerung. Oder vielleicht werden demnächst sonst zu den Sicherheitsvorschriften Schwimmwesten unter den Sitzen eingeführt, um die Passagiere bei einem möglichen Brückeneinsturz vor dem Ertrinken zu bewahren.

Gute Fahrt!

 

 

© Markus Gerbl, 2014