Doppelt so weit wie angegeben

Da der Sommer mitten im letzten Oktober nochmals auflebte, planten eine Freundin und ich spontan vom Schauinsland, dem Hausberg Freiburgs, zurück in die soeben genannte Stadt zu wandern. Zuerst fuhren wir mit Hilfe der Straßenbahn, dem Bus und schließlich der Seilbahn (eine Attraktion, die ich ihr nicht vorenthalten wollte) bis fast zum Gipfel des Schauinslands. Zweihundert Meter mussten wir laut Wegweiser noch bis zum Gipfel gehen. Steil bergauf.
Ich bin kein Wandermuffel, solange die Wege eben, bergab und leicht bergauf verlaufen. Aber steil bergauf zu wandern, kann ich nicht ausstehen. Egal, es waren ja nur zweihundert Meter, laut Wegweiser.
Nach gut zwanzig Minuten waren wir oben und während meine Freundin die Umgebung bestaunte, rechnete ich nach. Zweihundert Meter in zwanzig Minuten. Entweder hatten wir grottenschlechte Gipfelsteigerqualitäten, oder die Angaben auf dem Schild stimmten nicht. Um das herauszufinden reichten meine geringen mathematischen Kenntnisse. Dafür brauchte ich keine linearen Funktionen oder das damit verbundenen Steigungsdreieck, sondern nur das Wissen, dass ein Mensch etwa 12 Minuten für einen Kilometer auf einen ebenen Weg braucht. Aber egal, ich schob die Gedanken zur Seite und genoss die wunderbare Aussicht auf Freiburg, auf die Rheinebene und die dahinter liegenden Vogesen.

Später waren wir mitten im Schwarzwald auf einem sehr abschüssigen Pfad, von jeglicher Zivilisation abgeschnitten unterwegs nach unten. Wohin wusste niemand von uns beiden mehr. Der letzte Wegweiser, der uns auf diesen Pfad wies, mit der Aufschrift: nach Freiburg-Wiehre noch 12 Kilometer, lag zwei Stunden zurück. Uns begegneten höchstens noch rautenförmige Symbole in gelber und blauer Farbe. Ich ignorierte sie, weil ich mit denen ohne Wanderkarte eh nichts anfangen konnte, an die ich wiederum nicht gedacht hatte und führte meine Freundin weiter über diesen gottverlassenen Pfad. Ihre Laune ging synchron mit uns bergab. Sie war genervt durch meinen Optimismus, den ich verbreitete und meinen angeblich schlechten Orientierungssinn (eine Behauptung, die ich mal im Raum stehen lasse). Wieso nicht optimistisch sein, solange unser Weg bergab verlief? Das bedeutete ja, dass wir schon in irgendeinem Tal landen würden.

Nach weiteren zwei Stunden ohne jegliche Orientierungsmöglichkeit und mit dem Gemecker meiner Freundin im Nacken, tauchte endlich wieder ein Wanderschild mit Kilometeranzeigen auf. Nach Freiburg-Wiehre noch acht Kilometer. Vier Stunden für drei Kilometer. Mein Optimismus verflog und ich kam mir wirklich verarscht vor. Nun ließ ich meinem Unmut freien Lauf:
„Ist denn das zu fassen? Welche Hallodris haben diese Schilder aufgestellt?“, platze es aus mir heraus. "Haben diese Vögel die Luftlinie gemessen oder was?" Ich brauchte einige Minuten, bis ich mich beruhigte und wir zusammen entschieden, anstatt nach Freiburg-Wiehre, zur Talstation der Seilbahn, die uns hochgebracht hatte, zu wandern. Drei Kilometer schienen auch nicht weit.

Nach eineinhalb Stunden, mit den Nerven am Ende, erreichten wir endlich wieder Zivilisation und die Talstation. Erschöpft fuhren wir mit dem Bus und der Straßenbahn zurück.

Seither stelle ich mir die Frage, wieso die Wanderwege in unserer Region so spärlich und ungenau ausgewiesen sind. Kann es sein, dass stundenlang kein klares Wanderschild, welches mir sagt, wie weit es noch zu meinem Ziel ist, auftaucht? Selbst nicht an großen Wegkreuzungen? Oder dass ungenaue Kilometeranzeigen noch zusätzlich verwirren? Ich dachte, Schilder seien zur Orientierung gedacht und dienten nicht dem Gegenteil. Hier muss meiner Meinung mehr getan werden, damit wanderfreudige Menschen sich besser zurechtfinden.
An meinem Orientierungssinn zweifele ich nämlich nicht.

 

 

© Markus Gerbl, 2014

 


Nachwort:

Diesen Beitrag schrieb ich für die Jugendkolumne: keineJugend.de