Eine Stadt zerbricht

Für meinen heutigen Beitrag nehme ich Sie mit auf eine Reise zu einem friedlichen Ort in Südbaden, der durch den Alchemisten Johann Georg Faust Bekanntheit erlangte, welcher als Vorlage für Goethes gleichnamiges Drama diente. Nach Staufen.


In diesem mittelalterlichen „Städtle“, wie es waschechte Badener zu sagen pflegen, spielt sich seit 2007 ein Drama großen Ausmaßes ab: Der Boden unter den Füßen der Anwohner hebt sich. Nicht spür- aber deutlich sichtbar an mittlerweile 270 Gebäuden dieser Kleinstadt. Risse und ganze Spalten verunzieren ihre Fassaden, dahinter verärgerte und verzweifelte Anwohner, deren Decke ihnen im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Kopf zu fallen droht. Mittendrin das gerade aufwendig sanierte Rathaus, das nur noch von vielen Stützen gehalten wird und ein Sachschaden, der sich aktuell auf 50 Millionen Euro beläuft.
Wie konnte das geschehen?

Im Zuge der Sanierungsarbeiten am Rathaus wurde eine geothermische Heizanlage eingerichtet, bei dessen Bohrungen in Tiefen von 140 Meter – auf gut Deutsch gesagt – gepfuscht wurde. So wurde beispielsweise qualitativ schlechter Zement für die Abdichtung der Schächte verwendet, bei den Bohrungen gab es Abweichungen von den eigentlichen Bohrpunkten und nicht zuletzt hätte man, wie ich persönlich finde, die Untergrundbegebenheiten besser in Augenschein nehmen müssen.
Aber so hatte das Ganze zur Folge, dass zwei der sieben Bohrlöcher einstürzten und Verbindungen zwischen dem Grundwasser und einer darüber liegenden Anhydrit-Schicht entstanden, die durch die Feuchtigkeit sofort anfing zu Gips aufzuquellen.
Die Folge ist die bereits von mir beschriebene Anhebung Staufens, die rund um das Rathaus am stärksten und trotz mehrerer Gegenmaßnahmen, wie zum Beispiel der Errichtung von Brunnen, die das Grundwasser nun abpumpen, noch nicht zum Erliegen gekommen ist. Dennoch konnte man durch den Brunnenbau die anfängliche Hebungsrate von teils einem Zentimeter pro Monat deutlich reduzieren.

An mir persönlich geht das Schicksal Staufens und der betroffenen Anwohner nicht spurlos vorüber, da ich in dieser eigentlich wunderschönen Kleinstadt den Großteil meiner Kindheit verbracht habe. Noch heute gehe ich regelmäßig dorthin, um alte Bekannte zu besuchen oder einfach durch die Stadt zu schlendern. Jedes Mal, wenn ich die stark beschädigten Häuser sehe, denke ich darüber nach, wie sicher die Erdwärmenutzung, mit ihren dafür notwendigen Bohrungen ist.
Denn Staufen ist kein Einzelfall: In Böblingen wurden 80 Häuser beschädigt, nachdem auch dort sich nach Erdwärmebohrungen der Boden hob, im elsässischem Lochwiller dasselbe Phänomen in französisch.

Ich denke die Erdwärmenutzung ist eine tolle Sache, wenn man Untergrundverhältnisse und Arbeitsvorgänge genau beachtet und zuständige Personen und Firmen bei der Ausführung der Bohrungen nicht schlampen, um Zeit und Geld zu sparen. Immerhin zeigt sich das auch an vielen Beispielen, bei denen alles reibungslos geklappt hat.

 

 

 

© Markus Gerbl, 2015