Ausgedient

Stunden mussten schon vergangen sein, die ich hier zwischen Holztrümmern diverser Möbelstücke ausharrte. Stunden oder gar Tage? Ich wusste es nicht. Zeitempfinden war noch nie meine Stärke gewesen und Orientierungspunkte konnte ich noch keine ausmachen. Die fremden Geräusche und die rauen Bedingungen, dieser kalte Luftzug an meinen Ohren und die Nässe, die meine Beine hochkroch, überforderten mich total.

Obwohl ich schon einiges zuvor in meiner Lebenszeit durchgemacht hatte, was man als „raue Bedingungen“ definieren konnte. Schon früh in der Entwicklungsphase wurde meine Haut ganz ledern und bei meinem Umzug verlor ich beinahe ein Ohr, als ich gegen eine scharfe Kante knallte.
Deswegen, oder vielmehr trotzdem, wurde ich Vincent getauft, von meiner Besitzerin, die mich kaufte und eine Ewigkeit eine harmonische Beziehung mit mir führte. Jeden Abend saß sie auf meinem Schoß und schaute sich die Nachrichten und anderes Zeug an. Dabei kuschelte sie sich immer enger an mich, bis sie schnaufende Geräusche von sich gab. Ich sah es als ein Zeichen der Zufriedenheit, auch wenn ich nie verstand, was sie da tat. Nach einer guten Weile stand sie auf und ließ mich wieder allein. Jeden Abend ging das so. Ab und an saugte etwas Lautes an meiner Haut herum, doch daran gewöhnte ich mich, es wurde mit der Zeit auch zunehmend seltener.
Und dann wollte sie eines Abends nicht mehr von mir lassen. Ich wusste nicht, wie lange sie auf mir lag. Kann mich nur noch an den widerlich süßlichen Geruch erinnern, der durch meine Poren stieg und mich beinahe bocken ließ.

In den letzten Tagen überschlugen sich dann die Ereignisse: Viele Schritte. Die Last wurde mir endlich abgenommen, der Geruch nahm ab und kurz darauf wurde ich unsanft gepackt.
Erst dachte ich, sie würden mich auf den Arm nehmen, doch nun stehe ich hier zwischen Holztrümmern diverser Möbelstücke und habe nichts außer der Decke, die in den letzten Stunden auf mich herabgerieselt war.

Ich sehnte mich zurück in die familiäre Wärme, wie ich sie kannte. Doch da meine Besitzerin offenbar fort war... wer würde schon einen alten, angeschlagenen Ohrensessel aus der Kälte retten wollen?

 

 

© Markus Gerbl, 2014