Auszeit

In unmittelbarer Nähe meines Liegeplatzes liegt ein alter Steg. Schwäne nutzen ihn als Catwalk und präsentieren stolz ihr weiß gefiedertes Kleid im Rampenlicht der Sonne. Türkisblaues Wasser, welches sich im leichten Sommerwind kräuselt, bildet die optimale Kulisse dieser Show. Ab und an geht ein leichtes Raunen durch das Astwerk der das Ufer säumenden Kastanienbäume.   

Ich atme tief ein. Sanfter Fliederduft liebkost spielerisch meine Nase. Mit jedem weiteren Atemzug merke ich, wie mein Verstand schläfrig wird. Meine Augen fallen zu und ich spüre nun deutlich das Gras unter meiner Haut. Es kitzelt leicht in meinem Nacken. Ansonsten bietet es mir ein weiches Bett zum Entspannen und Träumen und …

"Herr Brenner. Würden Sie so freundlich sein diese Dokumente noch bis 16 Uhr fertig zu stellen und zu sichern? Ich danke Ihnen!" Mit lauten Schritten verlässt mein Vorgesetzter den Raum. Verwirrt schaue ich mich um.

Überall sitzen meine Arbeitskollegen an flimmernden Monitoren und tippen sich die Finger wund. Lediglich zwei stehen am Drucker und warten darauf, dass er ihre Unterlagen ausspuckt. Grautöne dominieren die Abteilung und schlucken die wenigen Farbtupfer, die von den Bürogegenständen oder Ordnern ausgehen. Selbst den Krawatten an den Anzügen meiner Kollegen gelingt es nicht, farblich aufzufallen. Mein Blick flüchtet zur Fensterfront, in der Hoffnung, einen Hauch von Sonnenlicht zu sichten, doch vergebens. Dicke Regentropfen prasseln ohne Unterlass gegen die Scheiben, die aus tiefhängenden, sturmzerfetzten Wolken fallen.
Seufzend wende ich mich wieder meinem Computerbildschirm zu und tippe drei Worte:

 

Ich brauche Urlaub.

 

 

© Markus Gerbl, 2012