Blätterjive

Grafik: © Pixabay
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„Tut mir nochmals furchtbar leid, dass ich kurzfristig die Ballnacht mit dir absagen musste“, entschuldigte sich Theresa, noch mit leicht verschnupfter Stimme. „Ich wäre gerne mit dir hingegangen.“

„Du kannst ja nichts dafür“, erwiderte ich. Die erneut aufkeimende Enttäuschung schluckte ich mit dem letzten Bissen meines Vespers herunter.

 

Wir hatten Mittagspause und saßen gemeinsam, etwas abseits der meist qualmenden Kollegen, im Hinterhof, der einen verwaisten, aber auch verträumten Anblick bot. Seit meinen Anfangstagen in dieser Firma zog es mich in den Pausen hierher, um den Kopf für einen Moment von Statistiken und Berechnungen zu befreien und meine Sandwichscheiben nicht dem Zigarettenrauch der Kollegen auszusetzen.

 

„Stört es dich, wenn ich eine rauche?“

Mir verschlug es die Sprache.

„Schon gut“, entgegnete Theresa lachend und stupste mich in die Seite. „Ich mache nur einen Scherz. Dein Gesicht hättest du gerade mal sehen müssen.“

Ich lächelte gezwungen. Zu tief saß noch der Schock ihres Scherzes.

 

Eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander. In der Nähe hörte ich einen Laubsauger aufheulen. Eine Taube überlegte, ob sie die Krümel zu meinen Füßen picken sollte, oder nicht. Theresa wischte ein gelb verfärbtes Blatt aus ihrem Haar. Der Wind trug es zu einem roten und gemeinsam tanzten sie. Weitere Blätter schlossen sich ihnen an.

„Lass uns tanzen!“, forderte ich Theresa auf.

„Was, hier?“

„Ja. Schau dich um. Hier wurde soeben eine Tanzfläche eröffnet.“

„Wenn uns die Kollegen sehen …“

„Die nebeln sich doch noch ein. Komm schon.“ Ich nahm ihre Hand und sie ließ sich von mir zur Tanzfläche führen.

„Das klappt doch ohne Musik nicht“, meinte sie.

„Lass das meine Sorge sein. Immerhin muss ich die Eins finden.“

Theresa schmunzelte. „Ohne Musik solltest du doch keine Probleme mit dem Einstieg haben. Was möchtest du tanzen?“

„Walzer“, schlug ich vor.

„Och nö, lieber Jive. Passt besser zum Herbst.“

„Mmmh, hast Recht!“ Ich bereitete mich gedanklich vor …

 

„Du bist nicht im Takt“, hörte ich Theresa nach kurzer Zeit maulen. „Dein Dauerproblem: oft bist du eine Zählzeit zu spät.“

„Sei nicht immer so taktlos zu mir“, konterte ich. Sie schmunzelte erneut.

„Ich darf dich gerne daran erinnern, dass du es warst, der die großen Töne spuckte, von wegen er könne prima tanzen.“

Die Taube, die ihre Entscheidung getroffen hatte, nickte beiläufig im Vorbeistaksen.

„Jaja, schon gut“, gab ich kleinlaut bei. „Wärme bloß nicht wieder diese alten Kamellen auf.“

„Und deshalb …“, sie blickte auf die Uhr, „sehen wir uns heute Abend wieder beim Tanzkurs.“ Theresa zwinkerte mir zu und machte sich dann auf den Weg zurück zum Arbeitsplatz. Ihr rotblondes Haar wehte im Wind, während der Laubsauger nun eifrig die Tanzfläche räumte.

 

„Sie wäre perfekt“, hörte ich mich murmeln. „Würde sie doch manchmal ein Blatt vor dem Mund nehmen.“

 

 

© Markus Gerbl, 2016