Der Teufel trägt Priesterkutte

"Psst, sei leise! Du weckst sonst das ganze Haus", befiehlt flüsternd der ältere dem jüngeren Priester.

"Ich bin leise", zischt dieser empört als Antwort.

"Aber nicht leise genug. Ich will nicht, dass die anderen Kinder etwas davon mitbekommen."

"Soll ich etwa über den Boden schweben?"

"Besser wäre es. Bei deinem Getrampel. Still jetzt!"

Vorsichtig öffnet der Ältere die Tür zu einem der Schlafräume, in denen die Schüler des katholischen Internats ihre Nacht verbringen, einen Spalt und lugt hinein. Um die beiden Schüler besser zu sehen (, ein Schlafraum teilen sich immer zwei Personen), knipst er seine Taschenlampe an und leuchtet erst auf Georg und dann auf Tobias. Anschließend winkt er den jüngeren Priester zu sich mit den Worten:

"Sie schlafen Beide seelenruhig und träumen nichts ahnend von der heilen Welt. Wirklich schade, dass wir sie jetzt dabei stören müssen. Sie sehen so süß aus im Schlaf. Mach bitte die Tür zu und schließe sie ab! Wir wollen doch ungestört bleiben?"

Ohne auf die Antwort seiner Frage zu warten, geht der ältere Priester zu Tobias hin. Dabei legt er die Taschenlampe so auf dem Nachttisch, dass ihr fahles Licht auf das Bett fällt und zieht anschließend langsam die Decke von dem schlafenden Schüler.

"Da liegt er nun, so unschuldig und weiß noch nichts von seinem Glück", murmelt der ältere Priester mit einem Grinsen im Gesicht.

"Ich weiß nicht, ist das richtig was wir da machen?", meldet sich plötzlich der jüngere Priester.

"Warum soll das, deiner Meinung, nicht richtig sein? Wir zeigen ihnen doch nur eine andere Form der Nächstenliebe."

"Ja schon, aber..."

"Was aber?"

"Aber... ich habe so ein ungutes Gefühl dabei."

"Ach jetzt hab dich nicht so. Wie ich schon sagte, wir lehren ihnen die Nächstenliebe. Und außerdem kannst du ja nachher bei mir beichten und so dein Gewissen wieder bereinigen. Also geh zu Georg und lass deiner Lust freien Lauf."

"Ich würde ja gerne, doch..."

"Was hindert dich noch daran?"

"Ich...ich fühle mich beobachtet."

"Beobachtet? Das verstehe ich nicht. Wir haben die Tür abgeschlossen. Es kann uns Keiner beobachten."

"Doch. Gottes Sohn. Jesus. Er hängt über der Tür und sieht Alles."

"Ach so. Warte einen Moment, das Problem ist gleich gelöst." Und mit diesen Worten nimmt der ältere Priester das weiße Tuch von dem einzigen Tisch in diesem Zimmer, hängt das Jesus Kreuz ab und wickelt es darin ein.

"So, jetzt kann er uns nicht mehr beobachten."

 

 

© Markus Gerbl, 2010