Der verstaubte Held

„Tobias“, rief meine Oma aus der Küche. „Bist du so lieb und holst mir die Wäsche von der Leine oben auf dem Speicher? Ich kann das doch nicht mehr so gut seit meiner Hüftoperation.“

„Kein Problem Oma, mache ich gerne für dich“, antwortete ich ihr fröhlicher, als es meine Lust eigentlich zuließ. Anstatt mir ein kühles Bier aus dem Kühlschrank nehmen, meine müden Knochen von der langen Autofahrt im Sessel ausruhen und wichtige Neuigkeiten mit ihr austauschen zu können, wurde ich gleich zum Laufburschen ernannt. Dabei konnte die Wäsche gut und gerne auch noch zwei Stunden länger an der Leine hängen. So stark war die Schwerkraft auch nicht, dass sie die Wäsche in der Zeit ausleiern würde, und klauen würde die weißen Baumwollunterhosen oben auf dem Speicher auch niemand. Aber ich war freundlich und verschwieg Oma meinen Missmut.

 

Auf dem Speicher angekommen merkte ich sofort, dass sich hier nichts verändert hatte. Die alten Schränke und Kommoden, vollgepackt mit Porzellangeschirr, Besteck, Gläsern aller Art, Tischdecken und Deckchen, Unmengen an Garn, Wolle und den nötigen Verarbeitungswerkzeugen wie Steck- und Stricknadeln und sonstigem Allerlei, standen immer noch an ihrem gewohnten Platz. Dahinter meine Lieblingsspielecke aus meiner Kindheit: eine langgezogene Nische, die durch die Dachschräge unvermeidbar war. Wieso ich so gerne hinter den Möbeln gespielt hatte, verstand ich heute nicht mehr. Entweder war es früher sauberer als heute gewesen, oder mir hatte die Gesellschaft der Wollmäuse im fahlen Licht nichts ausgemacht.

Auf der anderen Seite des Speichers ruhten, teils unter Decken, teils in Truhen und Kartons, meine Spielsachen, Tagebücher und Fotoalben. Schon seit Jahren hatte ich sie nicht mehr angerührt. Zu alt war ich für Sandspielzeug, Lego und Spielzeugautos geworden. Kindischer Schnickschnack, denn mittlerweile fuhr ich seit sieben Jahren ein richtiges Auto auf richtigen Straßen und nicht die provisorischen im Sandkasten oder auf dem Straßenteppich.

 

Ich wollte gerade in den Nebenraum des Speichers gehen, den meine Oma als Trockenraum verwendete, um meinen Auftrag zu erfüllen, da blieb mein Blick an einem Bild an der Wand hängen. Es zeigte mich um einige Jahre jünger, wie ich in Ritterrüstung, Schild und Holzschwert mit den Nachbarskindern in die Schlacht zog, um vermutlich, wie damals so oft, den Kirschbaum in einem der benachbarten Gärten zu erobern. Vorsichtig nahm ich das Bild von der Wand, entstaubte und betrachtete es genauer. Ich musste zehn gewesen sein, als ich noch tapfer aber ohne Eitelkeit in den näheren Wäldern Drachen bekämpfte, Burgfräuleins rettete und mich anschließend mit hart erfochtenen Kirschen belohnte. Damals war ich noch ein richtiger Held...

„Au Backe“, wurde mir plötzlich bewusst. „Hier ruhen nicht nur meine, von mir jahrelang verachteten Spielsachen, hier ruht ja meine halbe Identität. Begraben unter Decken, verstaubt und vergessen. Zurückgelassen, um ein smarter Typ mit Sonnenbrille, Tattoos und durchtrainiertem Körper zu werden. So ein richtiger Macho, der die Herzen der Frauen mit einer teuren Karre erobern will, aber längst vergessen hat, wie eine Eroberung richtig funktioniert. Der weder ein Schwert zu führen weiß, noch mit Pfeil und Bogen umgehen kann und nur noch das lose Mundwerk für platte Sprüche und Angeberei benutzt. Ich bin im Grunde gar nicht der coole Typ, sondern ein Esel. Aber das werde ich jetzt ändern.“

 

Hastig öffnete ich die Truhen und Kartons, zog Decken zur Seite und stürzte mich in so viele Kindheitserinnerungen, wie es mir möglich war. Ich las alte Tagebücher, begutachtete teils vergilbte Fotoalben, baute aus Legosteinen eine Burg und griff sie an, und schwang das Holzschwert nach meinem neuen Vorbild: Meinem kindlichen Ich. Ich beschäftigte mich stundenlang mit all meinen Erinnerungen, die ich so lange idiotisch verdrängt hatte, und zum ersten Mal nach langer Zeit fühlte ich mich glücklich und auf eine verrückte Weise wirklich cool.

 

Die Sonne stand schon tief, als ich meine Reise in die Vergangenheit beendete. Ich packte all die Spielsachen, Tagebücher und Fotoalben sorgfältig an die Stellen zurück, von denen ich sie geholt hatte, hängte die Wäsche im Nebenraum ab und ging nach unten zu Oma mit dem Gedanken:

„Morgen werde ich für Oma auf dem Speicher staubsaugen!“

 

 

© Markus Gerbl, 2013