Du, Ich und das Meer

Grafik: © Pixabay
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"Ist es nicht schön hier", flüstere ich dir zu. "Selbst an einem solchen verregneten Tag hat das Meer eine magische Anziehungskraft auf mich." Mein Blick schweift vom feuchten, muschelübersäten Watt zum Horizont, an den Punkt, an dem das unruhige, graue Meer mit dem wolkenverhangenen Himmel verschmilzt. Ein paar Möwen kreischen und trotzen der steifen Brise. Ein Dampfer fährt seine Route in Richtung des Hafens von Rotterdam. Ich schließe meine Augen und nehme einen tiefen Atemzug, gewürzt mit Salz und Seetang, bis in die Tiefen meiner Lungen auf, genieße ihn einen Augenblick und stoße ihn wehmütig wieder in die Freiheit.

"Ich finde keine passenden Worte für das alles hier." Mit meiner linken Hand mache ich eine waagerechte Halbkreisbewegung, um es dir zu verdeutlichen, was ich meine. "Ganz anders als ein anonymer, alter Seebär."
"Anonymer, alter Seebär? Ich verstehe nicht so recht, was du damit sagen willst", antwortest du leicht verdutzt.
"Sorry, wie kannst du es auch verstehen, wenn ich es dir nicht erkläre. Letztes Jahr in meinem Urlaub habe ich weiter westlich von hier eine Flaschenpost im Sand gefunden. Neugierig wie ich bin musste ich sie öffnen und fand darin einen wunderschönen Liebesbrief ans Meer, unterzeichnet mit dein alter Seebär."
"Erzähl mir, was genau darin stand, du weißt ja, ich bin auch neugierig." Du blickst mich erwartungsvoll an.
"In dem Brief beschrieb dieser Seebär die verschiedenen Launen, positive wie negative Eigenschaften des Meeres und welche Empfindungen er für die See hat."
"Hast du den Brief noch?"
"Nein, ich habe ihn, nachdem ich ihn gelesen hatte, zurück ins Meer geworfen. Anschließend habe ich mich beim Empfänger entschuldigt, gegen das Briefgeheimnis verstoßen zu haben."
"Ich merke schon an deiner Erzählung, und insbesondere an deinem genussvollen Blick vorhin, dass dir das Meer sehr viel bedeutet."
"Nicht so viel wie du mir bedeutest. In dich bin ich verliebt, das Meer mag ich. Das ist der entscheidende Unterschied." Und mit diesen Worten nehme ich dein Gesicht in meine Hände und küsse dich.

 

 

© Markus Gerbl, 2013


Nachwort:

Übrigens, wer den Brief vom "alten Seebären" lesen möchte, hier ist der Link: