Entwurzelt

Seit Wochen bin ich unterwegs über die endlosen, kargen Böden, aus denen nur hin und wieder ein Grasbüschel, ein Busch oder noch seltener, ein Kaktus sprießt. Kein Wasser weit und breit, dabei gehen meine Vorräte zur Neige.

 

Alles begann als meine Mutter plötzlich meinte, es wäre Zeit für mich zu gehen. Der Wind stehe günstig. „Deine Kinder sollen es mal besser haben, als wir es je hatten“, waren ihre letzten Worte gewesen. „Sorge bitte dafür!“ Dann trennten sich unsere Wege.

 

Nun zweifle ich an ihren Worten. Wie soll es mir und meinen zukünftigen Kindern in dieser öden Gegend besser gehen? Daheim gab es wenigstens Wasser und die Sonne stach nicht so erbarmungslos.

 

Verloren irre ich weiter, bis ich Stunden später am Horizont eine kleine Siedlung ausmache. Neue Hoffnung keimt in mir auf. Endlich fruchtbare Böden und Wasser. Hier kann unsere Familie weiter blühen und gedeihen.

 

In diesem Augenblick flaut der Wind ab. Seine letzte Kraft trägt mich in eine Mulde. Dort bleibe ich liegen, meinem Ziel so nah, doch unerreicht.

 

„Sorge bitte dafür!“ Die Worte meiner Mutter gehen mir erneut durch den Kopf. Wie soll man bloß als Steppenläufer sein Schicksal selbst bestimmen?

 

 

© Markus Gerbl, 2016