Ertappt

Noch etwas müde, aber fröhlich pendelte ich an diesem, noch sehr jungen Morgen zu meinem Arbeitsplatz nach Freiburg.
"Heute bekomme ich meine Beförderung",  jubelte ich innerlich vor mich hin, bis die Lautsprecherdurchsage im Zug auf meinen Ausstiegsort hinwies.

Gleich darauf erreichte ich auch meine Arbeitsstelle und wurde prompt in Empfang genommen. Doch etwas stimmte nicht. Wo war der kaltgestellte Sekt mit den Gläsern und die Mitarbeiter, die, aus Freude oder nur aus Neugier oder aus Zwang, bei einer solchen Beförderung mit anstoßen? Und überhaupt sah das Gesicht meines Chefs alles andere als feierlich aus. In seinen Augen spiegelte sich der Ärger und auch sein schmal geformter Mund brachte dies zur Geltung.
"Herr Brenner", was ein weiteres schlechtes Zeichen war, denn normalerweise duzen wir uns, "kommen Sie mal mit in mein Büro!"
Völlig verwirrt konnte ich ihn nicht fragen, wieso ich das sollte. Ich konnte ihm nur stumm folgen, bis wir in seinem Büro angelangten. Dort nahm seine Stimme noch an Kraft zu.
"Herr Brenner. Wir hatten in den letzten Wochen ein genaueres Auge auf Sie geworfen..." "Wen meint Der mit WIR", schoss mir wie aus der Pistole durch den Kopf. "...und mussten feststellen, dass Sie sich nicht an unsere Raucherregelung halten. Sie waren letzte Woche dreimal zu lange beim Rauchen und diese Woche auch schon zweimal. Aus diesem Grunde werde ich Sie nicht befördern. Wo kommen wir sonst hin, wenn ein Abteilungsleiter sich nicht an unsere Regeln halten kann?"
Fassungslos versuchte ich die in mir aufsteigende Wut zu unterdrücken und einigermaßen freundlich zu fragen:
"Wer außer Ihnen hat mich noch heimlich bespitzelt?"
"Ich habe etwa vor einem halben Jahr ein System installieren lassen, mit dem ich genau herausfinden kann, ob meine Mitarbeiter sich an die Regeln halten oder wie Sie eben nicht."
"Sie…Sie haben Kameras installiert?", fragte ich mit geballten Fäusten, mühsam darum bemüht meine Wut weiterhin zu unterdrücken. "Habe ich das richtig verstanden? Sie spionieren mit Überwachungskameras uns Mitarbeiter in dreister Art und Weise aus?"
Mit einem leichten Grinsen auf den Lippen schwieg mein Chef auf diese Fragen. Das brachte meine Wut nun zur äußerlichen Explosion:
"Was für eine Unverschämtheit! Das lasse ich mit mir nicht machen! Ich werde Sie anzeigen! Und wissen Sie, wohin Sie sich Ihren Abteilungsleiter stecken können: In den Arsch! Ich bin nicht mehr interessiert - ich kündige!"
Mit diesen Worten drehte ich mich um, verließ den Raum und knallte die Tür hinter mir zu.

 

Wenig später befand ich mich in der Tram Richtung Zentrum. Ich wollte noch Weihnachtsgeschenke für meine Eltern kaufen. Immer noch wutschnaubend, nahm ich das Vesper aus meiner Tasche. Ich wollte gerade hineinbeißen, als eine elektronische Stimme durch die Lautsprecher dröhnte:
"Sehr geehrte Fahrgäste. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass das Verzehren von Speisen und Getränken aus Rücksicht auf andere Fahrgäste verboten ist. Wir bitten Sie, sich daran zu halten! Vielen Dank!“ Alle Personen in meinem Umfeld drehten sich zu mir und blickten mich einerseits belustigt, andererseits entsetzt an. Eine ältere Dame sprach kopfschüttelnd:
"Die jungen Leute von heute. Kein Anstand und Benehmen mehr."
"Ach ja, wie konnte ich das nur vergessen. Die Tram ist ja videoüberwacht", schimpfte ich halblaut und zeigte der Kamera schräg über mir den Mittelfinger. Bei der Dame konnte ich mir diese Geste gerade noch verkneifen. "Die meckert ja nur, weil die Durchsage ihr das Verbot in den Kopf gepflanzt hat. Sonst wäre sie stumm wie ein Fisch geblieben."

Nach vier Stunden erreichte ich, mit zwei Tüten unter den Armen, meine Haustür. Als ich gerade meinen Schlüssel im Schloss drehte, kam mein lieber Herr Nachbar an unsere Grundstücksbegrenzung mit hochrotem Kopf und brüllte:
"Herr Brenner, Sie haben meinen Garten beschädigt, als Sie gestern Ihren Kirschbaum gefällt haben! Acht Äste und 43 Blätter sind auf meinen neu gesäten Rasen gefallen! Aber diesmal kommen Sie mir nicht so ungeschoren davon, dafür garantiere ich! Ich habe alles auf Bild! Jetzt kann ich Sie anzeigen, was mir natürlich ein großes Vergnügen ist…"
"Wissen Sie was, Sie können mich mal kreuzweise!", und ich schlug zum zweiten Mal an dem Tag eine Tür hinter mir zu.
Jetzt brauchte ich erst einmal einen Schwarztee zur Beruhigung. Also setzte ich Wasser auf und schaltete anschließend meinen Computer ein, um zu sehen, ob ich neue Mails bekommen habe. Und tatsächlich, ich hatte eine neue Nachricht von meiner guten Freundin Simone. Sie schrieb:


Hi Sebastian.

Schau mal, was ich gestern im Internet gefunden habe. Ich war mal rein zufällig auf Google Street View und habe zum Spaß dein Haus gesucht. Und was ich dann sah, war einfach zum Totlachen. Du posierst direkt hinter einem Fenster, nur mit einer pinken Boxershort bekleidet und einer Gurke in der Hand. :D Das ist einfach genial. ;)

Mit lachenden Grüßen

Simone



Ich klickte mit der Maus auf ihren mitgesendeten Link und was ich dann sah, verschlug mir die Sprache. Google hatte ganze Arbeit geleistet und mich beim freizeitlichen Möchtegern-Singen und dazu Tanzen voll auf ihre Linse erwischt. Ich wusste nicht mehr, ob ich jetzt wütend sein sollte oder nur enttäuscht. Ob mir nach höhnischem Gelächter zumute war oder einfach nur nach Weinen, nein ich wusste es nicht.
In zwei Zügen trank ich meinen Schwarztee, zog meine Rollläden nach unten und verkroch mich tief unter meiner Bettdecke. Erst dann fühlte ich mich einigermaßen sicher und unbeobachtet.

 

 

© Markus Gerbl, 2010