Mein Freund hatte recht

"Es wird auch langsam Zeit, dass ich unter die Dusche komme."

Lena genoss das warme Wasser, wie es ihr sanft auf dem Kopf prasselte und in unzähligen Strömen über ihren schlanken Körper abfloss. Sie massierte sich das Shampoo in ihr Haar und verteilte anschließend einen großen Klecks ihrer neu gekauften Duschcreme über ihren Körper.

"Hmm, tut das gut."

Ein lautes Knacken unterbrach ihre Gedanken. Vor Schreck erstarrte sie und lauschte.

Nichts.

Kein Geräusch war zu hören, außer ihrem Herzschlag, der in ihren Ohren zu dröhnen schien.

"Mein Gott, bin ich ein Angsthase! Nur weil mal ein lautes Geräusch zu hören ist, heißt das noch lange nicht, dass man gleich Angst haben muss. Sind bestimmt wieder die Kinder vom Nachbarn, die über mir wohnen."

Sie versuchte sich selbst Mut zu machen, doch so ganz klappte es nicht. Zwar beruhigte sich ihr Herzschlag langsam wieder, aber immer noch schaute sie sich verwirrt und ängstlich in dem kleinen Badezimmer um.

"Hier ist niemand. Schon gar nicht in so einem kleinen Badezimmer, das für mich ja schon kaum reicht."

Darüber musste Lena schmunzeln und gab sich endlich den Ruck, das Wasser wieder einzuschalten, um sich die bereits eintrocknenden Seifenreste abzuspülen. Sie hatte sich gerade wieder an das warme Wasser auf ihrer Haut gewöhnt und ihre Augen geschlossen, als es wieder knackte. Diesmal gleich mehrmals hintereinander.

"Verdammt! Hier ist doch irgendetwas in meiner Wohnung. Vielleicht ein Einbrecher, der sich an meinen Sachen bedienen möchte? Soll er ruhig machen, soviel Wertvolles besitze ich nicht. Solange er dann wieder verschwindet und mich in Ruhe lässt!"

"Vielleicht will er aber mich nicht in Ruhe lassen. Wahrscheinlich ist er gekommen, um sich an mir zu bedienen. Ich bin sein wertvollstes Objekt, mit dem er sich gleich intensiv beschäftigen wird."

Lena erschauderte bei dem Gedanken, wie schmutzige Hände über ihren frisch gewaschenen Körper gleiten mochten.

"So ein Blödsinn! Das Geräusch kommt von draußen. Kinder, die draußen spielen..."

"Jetzt komme ich schon wieder mit diesen Kindern als Erklärung. Für jedes Geräusch sind Kinder verantwortlich. Könnte ja zur Abwechslung auch mal ein Tier sein? Oder ein Vergewaltiger, der sich Zutritt zu meiner Wohnung verschafft hat und hinter meiner Badezimmertür auf mich wartet."

"Wie soll der denn hineingekommen sein? Meine Wohnungstür ist doch abgeschlossen…"

"Ach ja, und das hindert natürlich so einen Mann daran, sich Zutritt zu verschaffen. Komm, ich lebe doch nicht hinter dem Mond. Was auch immer da ist, ich muss vorsichtig nachsehen und möglicherweise mich…"

Ein ohrenbetäubender Lärm drang diesmal sehr deutlich aus ihrem Schlafzimmer nebenan. Lena zwängte sich in die am weitesten von der Tür ihres Bades entfernten Ecke und kauerte nackt, zitternd und noch tropfnass, minutenlang an den kalten Kacheln, bis sie nach langer Stille endlich wieder aus ihrer Starre erwachte und ihre Fähigkeit zu Denken wiedererlangte.

"Oh Gott, was auch immer das war, ich muss nachsehen, was in meiner Wohnung los ist."

Ein anderer Gedanke bestand darauf, das Badezimmer nie mehr zu verlassen, doch Lena wusste, dass dies auf Dauer nicht ging und sie sich auch nicht kampflos dem, was auch immer jenseits der Tür auf sie wartete, ausgeliefert sein wollte. Und wenn sie noch so viel Angst hatte.

Sie trocknete lautlos und zügig ihren Körper ab, die nassen Haare ließ sie so, wie sie waren, und zog sich Slip und BH an. Dann nahm sie die Nagelfeile aus dem Schränkchen und schlich sich vorsichtig aus dem Bad.

"Kein Schwert, nicht mal ein Dolch, aber immerhin etwas, was ich zur Verteidigung aufzubringen habe."

Lena schaute sich unsicher im Schlafzimmer um.

Hier schien alles in Ordnung zu sein. Zumindest auf den ersten Blick. Ihr Bett war so gemacht, wie sie es hinterlassen hatte, die Uhr tickte fröhlich vor sich hin und von draußen schien die Sonne durch die geschlossenen Fenster hinein.

"Geschlossenes Fenster? Ich könnte schwören, ich hätte es geöffnet, bevor ich ins Bad bin. Aber egal, darüber sollte ich jetzt keine Gedanken verlieren."

Ihr Blick wanderte weiter durch den Raum, bis sie plötzlich erschrak. Sie stieß einen spitzen Schrei aus.

 

Wenig später, als sie sich von dem Schrecken erholt hatte, musste sie lachen.

Ihr Freund hatte vollkommen recht mit seiner Warnung, ihr Schrank sei zu instabil für ihre große Menge an Kleidern.

 

 

© Markus Gerbl, 2013