Mustergültig

Sie war schon immer die Musterschülerin in meiner Klasse. Nicht nur, weil sie im Sommer gemusterte Röcke trug, die ich sehr an ihr mochte – ich musterte sie stundenlang im Unterricht – sondern auch, weil sie all diese Attribute besaß: schlau, fleißig, freundlich, hilfsbereit und zuverlässig. Alles in allem ein Musterbeispiel an Tüchtigkeit.

Ganz anders als ich, der sich nicht besonders für den Unterrichtsstoff interessierte und lieber aus den quadratisch gemusterten Din-A4-Blättern Flugzeuge baute, die dann Richtung Tafel segelten. Natürlich zog ich mit meiner kleinen Flugshow die Aufmerksamkeit sämtlicher Lehrer auf mich, welche dann erbost sagten:

„Mustafa, muss das sein? Du störst den Unterricht! Noch so ein Ding und du fliegst raus, hast du mich verstanden?“

Wer von meinen Lehrern und Mitschülern hätte jemals gedacht, dass aus mir ein erfolgreicher Abteilungsleiter einer großen Firma werden würde, die sich auf die Herstellung von Geschirr jeglicher Art spezialisiert hat? Selbst meine Eltern dachten:

„Bei unserem Jungen ist Hopfen und Malz verloren. Seine Intelligenz reicht nicht einmal aus, um unsere Apfelmus-Terrine auszufüllen. Was soll aus ihm mal werden?“, als ein erneuter blauer Brief von der Schule eintraf, aufgrund wiederholten Vergessens der Hausaufgaben. Selbst ich zweifelte daran, dass ich mich aus den Maschen meines Verhaltensstrickmusters befreien würde, und ganz ohne Hilfe hätte ich es auch nie geschafft.

 

Zufrieden werfe ich einen Blick durch den in Morgenröte getauchten Raum. In der rechten Ecke liegen über meinem Anzug eine weiße Bluse sowie ein gemusterter Rock. Dann drücke ich mein Kopfkissen in eine für mich mustergültig bequeme Position, drehe mich zur Seite, lege meinen Arm um meine Liebste und schlafe wieder ein.

 

 

© Markus Gerbl, 2013