Nur eine Geschichte, wissen Sie

Neulich interviewte mich ein Reporter:
„Herr Berger, wie schaffen Sie es eigentlich immer, solch grandiose Geschichten zu erfinden?“
Worauf ich knapp antwortete:
„Maggi macht`s möglich.“
An seinem Gesicht konnte ich ablesen, dass ihn diese Aussage irritiert hatte. Ich ergänzte:
„Meine Frau Maggi – Margarete – oder woran haben Sie gedacht?“ Der Reporter lachte verlegen auf, aber schwieg auf meine Frage.

Er wirkte noch recht unerfahren, um nicht zu sagen: naiv. Seine Haare hatte er zu einem derart angeklebten Seitenscheitel gegelt, dass ich mich fragte, wie viel Haarpomade er verwendet haben musste. Oder war ihm das Wasser daheim zur Neige gegangen? Seine Lederschuhe jedenfalls hätten etwas mehr Schmiere zur Politur nötig gehabt. Und überhaupt passte ihre hellbraune Farbe nicht zu seinem schwarzen Anzug und der quietschgelben Krawatte, was mich wiederum darauf schließen ließ, dass er Single war oder eine Fernbeziehung führte, was im Grunde aufs Selbe hinauskam.

„Sie und… Maggi sind doch erst seit acht Jahren miteinander verheiratet, als Schriftsteller arbeiten Sie aber schon länger. Warum sehen Sie gerade Maggi als Schlüssel ihres Erfolges?“
„Ich kenne meine Frau ja nicht erst seit unserer Hochzeit“, erklärte ich dem Reporter leicht genervt. Der Höflichkeit halber fügte  ich noch hinzu: „Und meine Inspiration hole ich seit je her aus unserer Beziehung – aus Beziehungen an sich.“
„Sie wollen damit andeuten, Ihre Romane bestünden aus wahren Begebenheiten Ihres Liebeslebens?“ Noch bevor er die Frage beendete, schrieb er eifrig in seine Unterlagen.
„Nein, da haben Sie mich missverstanden. Die Inspiration hat nichts mit dem Inhalt meines Privatlebens zu tun. Ich schöpfe daraus nur die groben Ideen und meine Frau gibt mir die nötige Kraft, diese Ideen zu fiktiven – die Betonung liegt auf fiktiven – Handlungssträngen zu verbinden.“
Der Reporter machte eine nickende Kopfbewegung und zupfte sich seine fürchterliche Krawatte zurecht.
„Ihr neuester Roman Ein Herz besteht aus zwei Hälften befindet sich momentan auf Platz vier der Spiegelbestsellerliste – Ihr größter Erfolg bisher. Haben Sie damit gerechnet?“
„Nein. Ich hatte zwar von Anfang an ein gutes Bauchgefühl beim Verfassen dieses Buches, aber mit so einem großen Erfolg habe ich nicht gerechnet.“
„Danke, dass Sie sich für ein kurzes Interview Zeit genommen haben.“ Es folgte ein kurzer Händedruck. „Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!“
„Danke!“ Am liebsten hätte ich noch hinzugefügt: „Ich wünsche Ihnen eine modebewusste Frau an ihrer Seite.“


Nach einer anschließenden Signierstunde kam ich müde nach Hause. Kaum ließ ich die Haustür ins Schloss fallen, da bemerkte ich, dass etwas anders war als sonst:
Es brannte nirgends Licht in der Wohnung. Auch war es für 19.11 Uhr, eine Zeit zu der meine Frau eigentlich ihre Lieblingsserie zu schauen pflegte, unheimlich still in der Wohnung.
Beunruhigt knipste ich das Licht im Flur an und rief:
„Maggi, ich bin wieder zu Hause! Wo steckst du?“
Keine Reaktion.
Dann fiel mir auf, dass ihr Mantel und ihre Handtasche fehlten und stattdessen ein Zettel auf der Kommode lag. Es war eine kurze Nachricht von meiner Frau:

Ich habe erfahren, dass du mich mit der Schlampe zwei Stockwerke über uns mehrmals betrogen hast. Du brauchst es nicht mehr zu leugnen. Ich dachte immer, du liebst mich. Aber anscheinend hast du mich nur für deine Karriere benutzt. Jetzt kannst du sehen, was du davon hast. Ich möchte mit dir nicht mehr zusammen sein und werde mit einem Scheidungsanwalt reden. So etwas lasse ich nicht mit mir machen!

Lebe wohl!


Ich schluckte und musste an die Protagonisten meines neuen Romans denken. Es sah so aus, als steckte ich jetzt inmitten dieser Geschichte.

 

 

© Markus Gerbl, 2015