Relikt

Ich schaue auf den ausgetrockneten See. Der Boden ist zu Stein geworden und erinnert mich  an die Kontinentalplatten, mit dem Unterschied, dass sich hier nichts bewegt. Jahrelang schon nicht mehr. Keine Wellen, die sich friedlich an den Ufern brechen. Keine Reiher, die sich voller Begeisterung an der Speisekarte des Sees bedienen. Kein Blätterrascheln in den Bäumen. Kein Wind, der für angenehme Temperaturen sorgt.

 

Ich kehre dem See den Rücken zu und gehe langsam über das holprige Pflaster zu meinem Auto, vorbei an Häusern, die langsam unter der Sonne in die Knie gehen. Tonscherben der Dachziegel liegen an den Seiten der Straße, die sich weiter östlich den Hang hinauf schlängelt. Dort oben, zwischen verdorrten Weinreben, steht mein Haus. Meine Heimat.

 

Rechts von mir sehe ich das alte Rathaus. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mich mehrfach über das löchrige Pflaster und die schlechten Einkaufsmöglichkeiten beschwerte. Kinkerlitzchen, eigentlich. Sogar die Kirche ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Zwar wirkt sie noch standhaft und solide, dennoch wurde ihr Inneres leergeräumt. Zurück blieb nur der steinerne Altar. Selbst das Kreuz haben sie nicht zurückgelassen. Somit wurde der letzte Glaube an bessere Zeiten für das Dorf  begraben.

 

Mein Auto steht auf dem Platz vor der Kirche. Ein Ford. Nichts Besonderes, aber treibstoffsparend. Der Sprit ist teuer genug. Ich öffne die Tür, steige ein und lasse den Motor an. Dann werfe ich noch einen Blick zum Hang. Tür und Fenster meines Hauses sind mit Brettern vernagelt. Vorsichtshalber. Ich lege den Rückwärtsgang ein, rolle vom Parkplatz und gebe Vollgas Richtung Exil.

 

 

© Markus Gerbl, 2013