Süße Verführung

Mit großen Glubschaugen, die Nase platt gedrückt an der Scheibe der Theke, starrte ich wie gebannt auf die verschiedenen Leckereien, die dieser Stand anbot. Mir lief das Wasser im Munde zusammen, doch konnte ich mich nicht entscheiden, was ich nehme. Zu groß war die Auswahl.

Da gab es Gummibärchen in allen Größen, Formen und Farben, Lakritze als Schnecken oder Stangen, Bonbons in verschiedenen Geschmacksrichtungen, gebrannte Nüsse und und und.

 

Völlig überfordert schaute ich unsicher nach rechts und sah einen kleinen Jungen, schätzungsweise in meinem Alter, der gierig die linke Hand nach dem ausstreckte, was ihm die Verkäuferin reichte. Ein großes Büschel weißes Zeug an einem Stock befestigt.

"Was ist das", dachte ich neugierig.

Ich ließ ihn mit dem interessanten Ding nicht aus den Augen. Er leckte mit seiner Zunge daran und biss auch immer wieder davon ab. Jetzt dachte ich zu wissen, was das ist.

"Papa, ich will auch so ein großes Eis wie dieser Junge da", teilte ich meinem Vater mit. Er drehte sich in die Richtung, in die mein Finger zeigte, um und musste im selben Augenblick schmunzeln.

"Markus, das ist kein Eis. Das ist Zuckerwatte."

"Dann will ich eben dieses Zucker...ähh...dingsda haben!"

"Zuckerwatte heißt das."

"Genau das!"

"Und wie heißt das Zauberwort?"

"Bitte!"

"Okay, ich kaufe es dir!"

 

Wenige Augenblicke später hatte ich nun meine erste Zuckerwatte in meinen Händen. Vorsichtig roch ich daran.

"Mmh."

Dann tastete ich immer noch misstrauisch an dem weißen Büschel.

"Das klebt ja."

"Ist ja auch Zucker", sagte mein Vater lachend darauf. "Jetzt probiere schon, das wird dir schmecken!"

Ich probierte...

 

Es wurde zu meiner Lieblings-Süßigkeit. Bis heute kann ich ihrem besonderen Charme nicht widerstehen.

Dieser süße Genuss, wenn ihr durch Fasern geformter Zuckerkörper meine Zunge berührt und sich dann langsam im Speichel auflöst. Das Knistern, wenn ich an ihr knabbere. Die klebrigen Finger und Lippen, an denen ich nach dem Verzerr noch minutenlang lecke.

 

Ich habe mich verliebt in dich, liebe Zuckerwatte.

Du hast mich verführt und ich habe mich verführen lassen. Immer und immer wieder.

 

 

© Markus Gerbl, 2012