Unter dem Kastanienbaum

Seufzend zwinge ich mich auf die Beine.

Gerade noch so sehe ich das letzte Stück der glutroten Sonne hinter den Vogesen untergehen. Verschleiert durch die salzige Nässe in meinen Augen.

Wie lange mag ich wohl schon wieder hier gesessen haben, unter der langsam bräunenden Blätterpracht des Kastanienbaumes, mein Rücken an seinem Stamm gelehnt?
Es müssen Stunden gewesen sein, doch genauer kann ich mir diese Frage nicht beantworten. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren...

Genau wie dich meine kleine, liebe Maus,
mein ganzer Stolz,
mein einziges Kind.

Hier unter diesem Kastanienbaum sah ich dich zum letzten Mal. Du krochst durch das Gras und sammeltest eifrig die frisch gefallenen Kastanien in deine Tüte ein.
Ich sah dir zu,
half dir beim Einsammeln,
spürte mich in deine kindliche Begeisterung hinein,
genoss dein fröhliches Lachen...

Bis mein Handy klingelte. Ich ging dran und entfernte mich wenige Schritte von dir. Meine gesamte Aufmerksamkeit war für diesen Moment auf den Anrufer gerichtet. Drei Minuten, die ich meinem Chef widmete...
Es waren drei Minuten zu viel.

Nun stehe ich völlig ausgelaugt, den Blick noch zum Horizont gebannt gerichtet, als könntest du jeden Augenblick hinter der immer blasser werdenden Abendröte auftauchen, freudig meine Hand ergreifen, mit der anderen deine Tüte mit den Kastanien tragen und mich wegbringen von diesem Ort, hier unter dem Kastanienbaum.

 

 

© Markus Gerbl, 2011