Was für ein Winter, Kind

"Papa, wann schneit es endlich?", fragte mein neunjähriger Sohn Lukas an diesem Morgen, während er mit langem Gesicht, die Nase an die Scheibe seines Zimmerfensters gepresst, in die karge trübe Landschaft blickte. Bei weitem nicht das erste Mal in diesem kalendarischen Winter, als mehr bezeichnete ich dieses Matschwetter nicht, dass ich diese Frage aus seinem Munde hörte. Wie ein vorprogrammiertes Tonband antwortete ich ihm:

"Bald Lukas, bald."

 

Schnee hatten wir, zu meinem Ärger, zuletzt nur auf den Mattscheiben unserer LCD-Fernseher, meinem im Wohnzimmer und seinem im Kinderzimmer, weil die Satellitenschüssel von Orkantiefs gleich zweimal hintereinander beschädigt worden war. Ausgerechnet immer am Wochenende, an dem der Fernseher normalerweise so das einzige Mittel war, meinen Sohn zu begeistern und ihn zum Schweigen zu bringen. Daraus resultierte meine Ruhe, die ich dringend brauchte, nach meiner harten Arbeitswoche als Psychiater.

 

"Übrigens, dein Fernseher geht wieder. Die Satellitenschüssel ist repariert", sprach ich zu meinem Sohn.

"Habe keine Lust auf Fernsehen."

"Magst du lieber eine von deinen DVDs anschauen oder mit deiner Wii zocken?"

 

Ich erweiterte regelmäßig sowohl seine Wii-Spiele-Sammlung, als auch die DVDs, die hauptsächlich aus Actionfilmen bestand. Ich sah es als notwendige Handlung, damit Lukas in der Schule weiterhin Mitspracherecht behielte. Wie schnell wäre er zum Außenseiter geworden, wenn er sich nicht der allgemeinen Mehrheit angepasst hätte? Dieses Schicksal wollte ich meinem Sohn ersparen.

 

"Die kenn ich schon alle und auf Wii habe ich kein Bock. Ich will Schnee."

"Und woher soll ich ihn dir herzaubern? Du siehst doch, dass keiner fällt", sprach ich mittlerweile genervt.

"Du hast mir versprochen, wenn bei uns kein Schnee fällt, dass du mit mir in die Berge fährst. Ich will endlich mit dir gemeinsam einen Schneemann bauen, meinen neuen Schlitten ausprobieren, den ich von Oma zu Weihnachten bekommen habe und eine Schneeballschlacht machen", quengelte Lukas.

"Siehst du nicht, dass ich mich gerade von meiner harten Arbeitswoche ausruhe? Ich nehme mir nächste Woche Zeit für dich."

"Das versprichst du mir immer und dann heißt es doch wieder nächste Woche. Du unternimmst nie etwas mit mir. Ich will das aber."

"Deine Unzufriedenheit geht mir auf den Senkel. Wenn du damit nicht einverstanden bist, dann unternimm etwas mit den Nachbarskindern."

"Die ärgern mich nur. Nennen mich Mongo oder Missgeburt."

"Dann mach etwas alleine und gehe mir nicht auf den Keks."

"Das will ich nicht. Ich will mit dir etwas unternehmen."

"Jetzt reicht es mir! Ich will auch so viel, vor allem meine Ruhe! Ab auf dein Zimmer!" Erbost zeigte ich mit dem Finger auf seine Zimmertür. Heulend ging Lukas aufs Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Wenig später schaute ich durchs Schlüsselloch in sein Zimmer und sah meinen Sohn aus dem Fenster starren.

"Warum er ausgerechnet immer im Winter so anhänglich wird? Sonst kommt er doch mit meiner Arbeitssituation ganz gut klar und kann sich alleine beschäftigen. Ach egal, Hauptsache er ist jetzt ruhig", dachte ich und legte mich auf die Couch, zappte durch die Fernsehkanäle bis mir ein Programm gefiel und schloss die Augen.

 

 

© Markus Gerbl, 2012