Zirkus

Elefantendame Amy
Elefantendame Amy

Ein Raunen, gefolgt von begeistertem Beifall, in das sich die Stimme des Zirkusdirektors mischt: 

„Jetzt meine Damen und Herren, werden Sie die einmalige Chance zu sehen bekommen, wie unsere Trapezfee Andrea zum ersten Mal auf einem nur zwei Zentimeter dicken Seil barfuß eine Distanz von 22 Meter zurücklegt. Und als wäre das nicht schon waghalsig genug, lässt sie auf der Hälfte der Strecke das Seilende hinter sich anzünden. Wird sie es rechtzeitig schaffen, bevor das Feuer sie erreicht? Sie werden es sehen.“
Nur noch wenige Augenblicke bleiben mir, mich mental auf meinen Auftritt vorzubereiten. Ich streiche über die raue Haut meiner treuen Begleiterin Amy, der grünblau gestreiften Elefantendame, mit der ich schon seit Jahren das Publikum im Atem halte, Kunststücke erlerne und ausführe, die äußerste Präzision und Kraft von mir abverlangen und auf die ich mich zu hundert Prozent verlassen kann. Sie hebt ihren Rüssel und schlingt ihn um meinen Arm. Ein Zeichen, dass sie bereit ist, mit mir auf die Bühne zu gehen.
„Noch einen Moment Amy, wir sind noch nicht an der Reihe“, flüstere ich ihr zu und tätschle kurz ihren Rücken.
„Mit Bravour gelingt ihr auch der schwierigste Tanz auf dem Seil. Einen herzlichen Applaus für unsere unerschrockene Trapezfee Andrea…“ Der Rest des Satzes geht im Beifall der Zuschauer unter.
„So, und jetzt, meine Damen und Herren, seien Sie gespannt auf die nächste Showeinlage. Wir präsentieren einen Kunstreiter und Dompteur in einer Person, sowie eine einmalige, indische Elefantendame, die alleine schon ihres Aussehens wegen diesen Titel gebürtig tragen darf. Bühne frei für Patrick und seine Begleitung Amy.“
„Jetzt kannst du zeigen, was du drauf…“
„Patrick“, unterbricht mich eine Stimme rechts hinter mir.

Oder kommt die Stimme von links?
„Steh auf, du Faulpelz, es ist schon 9 Uhr.“
Zumindest kommt sie von Josephine.
„Wo bin ich?“, frage ich sie verwirrt.
„Du bist daheim, liegst immer noch im Bett und ich neben dir.“
„Ich verstehe. Dann hast du mir gerade meinen Auftritt mit Amy vor großem Publikum vermasselt.“
„Besser so. Deine Schnarchgesänge waren auch mehr als unerträglich. Hättest du die vor Publikum vorgetragen, wärst du im besten Fall ausgebuht worden und Amy wäre ungehorsam durchgebrannt. So gesehen habe ich gleich vier gute Taten vollbracht.“
„Vier gute Taten?“, frage ich.
„Du Dummerchen bist ja noch ganz durch den Wind“ antwortet Josephine mir. „Dich habe ich geschützt vor der Reaktion des Publikums. Das Publikum, Amy und mich geschützt vor deinem Schnarchen. Eins, zwei, drei, vier gute Taten. Dafür habe ich ein leckeres Frühstück, mindestens aber einen langen Kuss von dir verdient.“
„Nichts da. Ich schnarche nicht.“
„Oh doch, das tust du. Ein Sägewerk ist still dagegen.“
„Das bildest du dir ein. Möglicherweise hast du auch einen Tinnitus. Solltest du mal beim HNO-Arzt untersuchen lassen. Und um nochmal auf meinen Auftritt zurückzukommen: Ich hatte nicht vor zu Grunzen, sondern mit Amy zusammen Kunststücke zu zeigen. Als Kunstreiter und Dompteur.“
„Die darfst du mir in anderer Form gerne zeigen – als Dompteur, solange du nicht dabei schnarchst“, meint Josephine lachend. „Oder ist dir das Publikum hier zu klein?“
„Nein, es ist genau richtig.“

 

 

© Markus Gerbl, 2013