Zuneigung, ganz unverpackt

"Ach Rudolph", seufzt der Weihnachtsmann, nachdem er sich nach einem fünfzehn Stunden Arbeitstag, müde in seinen Sessel gesetzt hat. "Jedes Jahr wird es mehr und mehr Arbeit für mich, all die kleinen und großen Kinder und natürlich auch die Erwachsenen an Weihnachten zu beschenken. Es werden einfach zu Viele. Schon alleine wieder dieses Jahr über 75 Millionen Menschen mehr. Wie bekomme ich da noch all die ganzen Wunschzettel pünktlich sortiert und erfüllt mein Lieber? Mit einem weiteren Seufzer taucht er seine wunden Füße in das lauwarme Wasser der Fußbadeschüssel.  

"Und wenn das nicht schon genug wäre, bekomme ich noch zusätzliche Einschränkungen. Zum einen haben immer weniger Häuser einen anständigen Kamin, in denen ich mit meiner Wampe noch durchpasse. Das bedeutet für mich, dass ich mit Hilfe eines Dietrichs durch die jeweiligen Haustüren muss. Eine zeitraubende Angelegenheit."
Rudolph stupst aufmunternd mit seiner roten Nase sanft gegen die rechte Wange des Weihnachtsmannes.
"Und zum anderen wird es immer schwieriger den Schlitten mit euch als Gespann zu fliegen."
Das Rentier macht ein betrübtes Gesicht, weil es sich schuldig fühlt.
"Nein, es liegt nicht an euch und an dir schon dreimal nicht", sagt der Weihnachtsmann und streichelt über das weiche Fell seines wichtigsten Rentieres. "Es liegt daran, dass immer mehr los ist in der Luft. Früher waren wir die Herrscher des Himmels, wenn man mal absieht von den Vögeln. Doch heute haben sich die Hierarchien geändert. Flugzeuge übernahmen den Thron und machen euch und mir das Fliegen kompliziert." Er hält inne, um sich kurz zu räuspern und fährt anschließend mit dem Gespräch fort:
"Wie soll ich bei dem ganzen Stahlvögeln noch unbemerkt meinen Schlitten durch die Lüfte steuern? Man sollte an Weihnachten ein Verbot für den Flugverkehr erteilen." Der Weihnachtsmann nimmt seine Füße aus der Schüssel und trocknet sie am Handtuch ab. Anschließend steht er auf und holt die Wundsalbe aus seinen Medizinschrank und cremt massierend seine Füße ein. Rudolph beobachtet ihn sorgenvoll. Er merkt, dass sein Chef, sein Freund und Herrchen alt wird. Er kann die Schmerzen nachempfinden, die ihn im Kreuz und in den Gelenken plagen und seine Sorgen mehr wie verstehen. Liebkosend legt er seinen Kopf auf den Schoss des Weihnachtsmannes. Dieser erwidert es mit Kraulen unter seinen zarten Ohren. Genussvoll schließt Rudolph seine Augen.
"Mein Lieber, wenn du nicht an meiner Seite wärst, hätte ich meinen Job wohl schon hingeschmissen. Aber deine Fürsorglichkeit, deine Wärme und deine Liebe, geben mir die Kraft meine ehrenvollen Aufgaben weiter auszuführen, ganz egal wie schwierig es auch wird. Dank dir werden die kleinen und großen Kinder und natürlich auch die Erwachsenen diese Weihnachten und auch all die anderen Weihnachten, die noch kommen mögen, nicht enttäuscht."

 

 

© Markus Gerbl, 2010