Dringlichkeit

Mein lieber Freund,

vor einer Stunde meintest du, ich hätte eine neue Brille nötig. Mich haben diese Worte zutiefst erschüttert. Nach all den spontan gestalteten Treffen, die wir in den letzten Jahren hatten, bei denen ich dir immer verhalf, deine Sorgen bei mir loszuwerden.
Was musste ich nicht alles schlucken während unserer Rendezvous? All deine Beschwerden, alles was dich bedrückte und immer wieder Kaffee, Bier und Pizza in Massen. Und jetzt beurteilst du mich plötzlich nach Äußerlichkeiten?
Das bringt mich schon aus der Fassung. Ich habe nie ein Wort über dein Äußeres verloren, das sehr gewöhnungsbedürftig ist. Deine knietief hängenden Jeanshosen, deine Faulheit, dich immer wieder vernünftig zu rasieren und deine ungepflegte, unreine Haut, um Beispiele zu nennen. Doch ich akzeptiere dich wie du bist und das wünsche ich mir auch von dir. Wenn du schon etwas an meinem Äußeren verändern möchtest, dann bitte nicht meine schlicht gehaltene Brille, die mir persönlich sehr gefällt.
Du könntest mich stattdessen mal anständig putzen!

Dein W.C.

 

 

© Markus Gerbl, 2014