Gehänselt auf Kreta

Es lebte einmal, vor nicht allzu langer Zeit, eine Familie auf der griechischen Mittelmeerinsel Kreta, in großem Wohlstand. Doch als die Drachme durch den Euro in den Ruhestand geschickt wurde, ging es für die Familie steil bergab. Zuerst zehrten sie noch von ihren Vorräten, doch auch die gingen bald zu neige. Somit kam der Tag, an dem die Eltern noch lange in die Nacht aufblieben, um eine Entscheidung zu treffen:

„Wir müssen uns von unseren Kindern trennen, anders überleben wir nicht“, sagte der Stiefvater in rauem Ton.
„Erstens sind das immer noch meine Kinder und zweitens kommt das überhaupt nicht in Frage! Lieber verhungere ich elendig, als dass ich meine Kinder wegschicke“, konterte die Mutter. „Die Deutschen werden uns schon helfen. Frau Merkel hat gestern erst im Fernsehen gesagt, sie werde mit unserer Regierung und der EU eine gemeinsame Lösung für die Finanzkrise finden.“
„Die Merkel, die Merkel… begreifst du eigentlich nicht, wie ernst die Lage ist? Wir haben keine Ersparnisse mehr, und ich verdiene zu wenig Geld, als dass es für uns vier reichen könnte. Entweder die Kinder gehen, oder ich! Dann kannst du sehen, wie du alleine mit deinen Kindern überlebst und auf Merkels Lösung hoffen, bis ihr zugrunde geht.“
„Nein, bitte bleib! Ohne dich weiß ich erst recht nicht, was ich machen soll. Ich finde keine Arbeit, das weißt du. Ich habe nichts gelernt. Ich bin nur eine einfache Hausfrau, die nicht mehr weiß, was sie tun soll. Ich liebe dich! Ich liebe meine Kinder! Und ich möchte weder sie noch dich missen!“
„Ich bringe deine Kinder an einen sicheren Ort. Ich kenne ein Labyrinth, etwa zwei Autostunden von uns entfernt, in dessen Herz ein Kinderheim steht. Ich habe bereits mit der Besitzerin gesprochen und sie kann deine Kinder aufnehmen. Sie wären versorgt und wenn es uns wieder besser ergeht, holen wir deine Kinder wieder zurück…“

Als die Tochter Gretel ihre Eltern so bis in ihr Zimmer diskutieren hörte, erschrak sie und weckte weinend ihren Bruder Hänsel. Sie erzählte ihm, was sie gehört hatte, doch Hänsel winkte beruhigend ab:
„Sie werden uns nicht wegschicken. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie haben sich einfach gestritten, wie so oft in der letzten Zeit. Geh wieder schlafen!“

Doch am nächsten Tag zeigte sich, wie Unrecht Hänsel hatte. Im Esszimmer stand bereits ein Rucksack, gefüllt mit etwas Brot, Wurst, einem Glas eingelegter Fetakäse-Würfel, einer Taschenlampe, einer Decke, Wasser und einer Flasche Ouzo.
Da begriff auch Hänsel den Ernst der Lage und fing an, sich gemeinsam mit Gretel gegen das Vorhaben ihrer Eltern zu wehren. Wenn ihre Eltern, die eigentlich strenge Anti-Alkoholiker waren, selbst über die Minderjährigkeit hinwegsahen und ihnen Ouzo mitgaben, dann standen die Zeichen sehr schlecht. Aber jeglicher Widerspruch half nicht. Hänsel und Gretel mussten sich von ihrer Mutter verabschieden, bevor der Stiefvater beide mit einem Leihwagen zum Labyrinth fuhr. Dort angekommen überließ er sie dem Schicksal, ohne warme Abschiedsworte, und fuhr davon.

„Was machen wir jetzt?“, schluchzte Gretel und barg ihr Gesicht an Hänsels Schulter. „Zurück finden wir niemals und selbst wenn, wir werden ewig dazu brauchen. Das müssen mindestens 70 Meilen von hier sein.“
„Vielleicht können wir trampen?“
„Ja, und bei irgendeinem zwielichtigen Typ im Auto landen, der dich fesselt und sich an mir vergeht. Nee, aber den Bus könnten wir nehmen?“
„Von hier fährt kein Bus und Geld haben wir auch keines, vergiss das nicht. Uns bleibt somit nichts anderes übrig, als in dieses Labyrinth zu gehen und nach dem Kinderheim zu suchen. Dort hat bestimmt jemand ein Handy, mit dem wir unsere Eltern anrufen können. Die werden es sicher bald bereuen, dass sie uns weggeschickt haben und freuen sich dann, von uns zu hören. Und damit wir später wieder aus dem Labyrinth finden, werfe ich ab und zu einen dieser Fetakäse-Würfel auf dem Boden. So werden wir uns nicht verirren.“

Gesagt, getan. Die beiden Geschwister bahnten sich ihren Weg durchs Labyrinth und drangen immer tiefer in sein Zentrum ein. Hänsel markierte mit den Käsewürfeln an jeder Weggabelung den Boden und es schien, als hätten sie ihre Sorgen weit hinter sich gelassen. Dann sank die Sonne hinter die Mauern und Hecken der Gänge und es wurde schnell düster. Und mit der Dunkelheit kam die Angst. Bisher hatte sich keiner von beiden Gedanken darum gemacht, ob das Labyrinth nicht von Tieren oder gar Schlimmerem bewohnt sein könnte, doch nun riss Hänsel förmlich die Taschenlampe aus dem Rucksack und schwenkte sie hektisch hin und her. Nach einigen Minuten sagte Gretel:
„Komm, lass uns erst einmal ausruhen. Wir sind den halben Tag ohne Rast durch diese Irrgänge gelaufen und haben nichts von unseren Vorräten angerührt. Ich habe Hunger und du sicher auch.“
„Okay, aber kurz. Ich möchte schnellstmöglich zum Kinderheim.“
„Das will ich genauso, und wieder nach Hause. Ich halte diese Umstände hier nicht mehr länger aus.“
„Lass uns mal vom Ouzo probieren, vielleicht hilft er. Ich habe mal jemanden sagen hören, er beraube einen vor Kummer, Kälte und Sorgen.“ Hänsel nahm die Flasche aus dem Rucksack und kostete daran.
„Brr, ist der stark und schmeckt nach Lakritze.“
„Lass mich auch mal probieren“, protestierte Gretel. „Urrgh… ja hast recht. Von dem Zeug kriege ich nichts mehr hinunter.“
„Müssen wir aber, wenn es uns besser gehen soll.“
„Weißt du wie viel wir davon trinken müssen, damit wir uns besser fühlen?“
„Keine Ahnung, vielleicht die ganze Flasche.“
„Ich hoffe nicht. Ich finde Lakritze schon widerlich, aber das…“
„Nase zu und runter damit. Schau, genauso.“

Als der Vollmond über dem Labyrinth aufstieg, lagen die Geschwister im Rausch unter der Decke, die sie dabei hatten und bekamen nichts mehr um sich herum mit. Sie bemerkten noch nicht einmal, wie sich ein Schatten mit Hörnern über sie beugte und sie mitnahm. Erst als sie aufwachten bemerkten Hänsel und Gretel, dass irgendetwas nicht stimmte. Zuerst dachten sie, es wäre ein Traum, irre Bilder, durch den Alkohol verursacht, aber dann wurde ihnen langsam klar, dass dieses Scheusal, der Körper eines Menschen und der Kopf eines Stieres, Realität war. Hänsel wollte gerade schwankend Gretel an der Hand nehmen, da versperrte es ihnen den Weg.
„Ihr geht nirgendwo hin, bis ihr euch angehört habt, was ich zu sagen habe“, brummte es sie an.
„W-Wer bist du?“, fragte Gretel ängstlich.
„Ich? Ich bin Minotauros.“
„Warum steckt dein Kopf in so einer hässlichen Maske?“, legte nun Hänsel nach.
„Das ist keine Maske, aber ich wünschte, es wäre eine. Weil mein Vater Minos sich nicht an sein Versprechen gegenüber Poseidon, dem Gott des Meeres, gehalten hatte, wurde ich mit Stierkopf geboren und hierher verbannt. Ich habe anfangs oft versucht, einen Weg aus diesem Labyrinth zu finden, bin aber  immer wieder gescheitert. Nicht, weil ich ihn nicht kennen würde, sondern weil die Hexe mich hier festhält mit ihren Flüchen.“
„Hexe?“, fragten nun Hänsel und Gretel fast gleichzeitig.
„Lange Geschichte. Ich versuche es für euch verständlich abzukürzen. Die Hexe ist meine Halbschwester und heißt Ariadne. Sie hat das Labyrinth errichtet und wurde von Poseidon mit Magie ausgestattet, um eine Flucht meinerseits zu verhindern. Aber schon seit Jahren missbraucht sie ihre Fähigkeiten, quält arme, unschuldige Kinder und lässt diese im Tarnmantel eines Kinderheimes Lebkuchen backen, um sich daran eine goldene Nase zu verdienen. Die fertigen Lebkuchen werden zumeist nach Deutschland verschifft. Vor allem zur Weihnachtszeit.“
„Warum“, fragte nun wieder Hänsel alleine, „hast du sie nicht daran gehindert, Kinder für sie arbeiten zu lassen? Du bist groß und muskulös. Du wirst es doch mit einer Frau auf dich nehmen können.“
„Hast du nicht zugehört, Hänsel? Die Frau ist eine Hexe! Außerdem wissen wir Frauen uns auch zu wehren. Aber ihr Machos denkt immer, alles sei mit Muskelkraft zu bewältigen“, begehrte Gretel auf.
„Da muss ich deiner Schwester recht geben!“, sagte Minotauros. „Muskelkraft hilft nicht gegen Magie. Wir müssen sie anders überlisten und dazu brauche ich euch beide. Ihr sollt der Hexe Knoblauch in ihr abendliches Tzatziki mischen und zwar dieses Knoblauch hier.“ Minotauros überreichte Gretel eine einzelne Zehe in ihre Handfläche.
„Wieso gerade Knoblauch?“ Gretel schaute die Zehe ratlos an. „Sie ist doch eine Hexe und kein Vampir.“
„Weil sie gegen Knoblauch allergisch ist. Sie wird daran ersticken. Das ist alles was ich weiß. Und nun muss ich euch zu ihr bringen, damit ihr den Plan umsetzen könnt.“
„Und was ist, wenn wir uns weigern?“, sagte Hänsel trotzig. Er hatte nach der Beleidigung seiner Schwester überhaupt keine Lust mehr, irgendjemanden entgegen zu treten und wollte nur noch heim und dass alles so wie früher wurde, bevor die Finanzkrise kam.
„Wenn ihr euch weigert, es zu tun, dann ereilt euch das gleiche Schicksal wie mir. Ihr seid ewige Gefangene dieses Labyrinths. Oder dachtet ihr allen Ernstes, die Hexe würde euch hier wieder mir nichts dir nichts herausspazieren lassen? Hahaha. Nein! Da helfen eure Fetakäse-Würfel als Wegmarkierung auch nicht weiter.“
„Verflucht“, antwortete Hänsel kleinlaut. „Dann werden wir wohl tun müssen, was du von uns verlangst.“
„Ich bringe euch zum Kinderheim. Es ist nicht weit von hier.“

Nach einem kurzen Marsch durch die jetzt wieder vom Sonnenlicht erhellten Gänge, kamen sie an ein altes, schäbiges, aber sehr großes Haus. Es hatte nur zwei Fenster im obersten Stock, ansonsten war eine Tür die einzige Abwechslung im Mauerwerk.
„So, ab hier verlasse ich euch. Ich werde spüren, wenn ihr erfolgreich wart. Ansonsten: lebt wohl.“ Und mit diesen Worten verschwand Minotauros zügig, von wo sie herkamen.

Hänsel klopfte an der Tür.
„Kommt nur herein, ihr Lieben, es ist offen.“
„Das muss die Hexe sein“, flüsterte Gretel.
Vorsichtig traten Hänsel und Gretel durch die Tür. Sofort vernahmen sie den Duft von frisch gebackenen Lebkuchen und hörten leise Musik im Hintergrund:

Knusper, knusper, knäuschen,
wer knuspert an meinem Häuschen?
Der Wind, der Wind,
das himmlische Kind.


„Hallo ihr zwei, herzlich Willkommen in eurem neuen Zuhause. Mein Name ist…“
„Wir wissen, dass du Ariadne heißt und eine Hexe bist.“
„Schön, Hänsel, und ich weiß auch wer ihr seid und was ich mit euch vorhabe. Ran an die Arbeit, faules Pack! Die Lebkuchen backen sich nicht von alleine. Los, los!“
„Was ist das für eine Musik?“
„Das ist das Arbeitslied, damit ihr produktiver seid. Und der Klang der Arbeit wiederum ist Musik in meinen Ohren.“
„Immer dasselbe Lied?“
„Ein anderes hat mir nicht gefallen. Und jetzt hört auf Fragen zu stellen und arbeitet!“

Und so backten Hänsel und Gretel einen Lebkuchen nach dem anderen, bis es Abend wurde. Dabei wurden sie von der Hexe nicht aus den Augen gelassen.
„Verlässt die Hexe eigentlich nie den Raum?“, fragte Hänsel eines der fremden Kinder, als es draußen schon zu dämmern begann.
„Doch, jeden Augenblick muss es soweit sein. Dann holt sie sich ihren abendlichen Tzatziki und frischen Schnittlauch aus ihrem Garten.“
„Ist doch normalerweise Schnittlauch im Tzatziki. Warum macht sie das?“
„Hier wird nicht gequatscht, sondern gearbeitet!“
Das fremde Kind zuckte mit den Schultern und machte sich wieder stumm an die Arbeit.
„Wie lange ist sie dann weg“, fragte Hänsel nun fast schon lautlos.
Das Kind hob zwei Finger an.
„Zwei Minuten sind verdammt kurz, um den Knoblauch zu schälen und ihr unterzumischen“, verzweifelte Gretel. „Trotzdem müssen wir es tun, wenn sie weg ist. Hast du noch dein Taschenmesser bei dir?“
„Das habe ich immer bei mir. Hier, nimm.“ Unauffällig steckte Hänsel seiner Schwester das Messer zu, die es schnell bei sich verschwinden ließ. Trotzdem wurde die Hexe misstrauisch:
„Was macht ihr für Spielchen unter dem Tisch und backt nicht weiter Lebkuchen, wie ich euch befohlen habe? Wollt ihr mich zur Weißglut bringen? Hier wird gebacken, bis ich sage, ihr dürft aufhören. Bei der nächsten Arbeitsverweigerung backe ich euch zu Lebkuchen! Ich hole mir nun meinen Tzatziki, und wenn sich einer in dieser Zeit rührt, dann kann er was erleben!“

Als die Hexe den Raum verließ, flüsterte Hänsel:
„Jetzt!“
Gretel schälte so schnell wie noch nie die Knoblauchzehe, schnitt sie ganz fein und rührte sie anschließend mit dem Messer, etwas anderes hatte sie ja nicht, in den Tzatziki. Sie zitterte vor Anspannung am ganzen Körper. Die Hexe konnte jederzeit zurückkommen. Und was dann blühte, wenn sie scheiterten, das malte sich Gretel schon seit Stunden aus. Doch sie schaffte es rechtzeitig, bevor die Hexe mit den frischen Kräutern aus dem Garten zurückkam.

Was nun geschah, möchte ich gar nicht groß ausführen. Die Hexe starb einen qualvollen Erstickungstod und der Bann auf den Minotauros und die Kinder war gebrochen. Im Haus fanden Hänsel und Gretel zusammen mit den anderen Kindern einige Wertsachen, darunter auch Handys, mit denen sie ihre Eltern verständigen konnten, außerdem Unmengen an Euros und Drachmen im Keller des Gebäudes.
„Die Hexe hatte ein ganz schön großes Geschäft gemacht an euch Kindern“, meinte Hänsel, als er diesen riesigen Schatz sah. „Den teilen wir unter uns gerecht auf.“
Mit Hilfe von Minotauros fanden alle Kinder heil aus dem Labyrinth heraus, vor dessen Eingang dutzende Eltern auf ihre schon teils verloren geglaubten Kinder warteten. Auch Hänsel und Gretel wurden von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in die Arme geschlossen, ja, vor allem der Stiefvater hatte ein sehr schlechtes Gewissen.
Mit dem Reichtum, den die Kinder nun bei sich trugen, konnte man die griechische Staatspleite zwar nicht abwenden, aber dafür hatten die Griechen ja die Hilfe von der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Immerhin konnte die wiedervereinte Familie mit Hänsel und Gretel nun ein sorgenfreies Leben führen.

 

© Markus Gerbl, 2014