Liebe zum Meer

Liebes Meer.

Kannst du dich noch an unsere gemeinsamen Zeiten erinnern? Unsere Stunden miteinander? Wie du mich auf deinen nassen Händen über den halben Erdball getragen hast mit deiner unmessbaren Kraft? An all die schönen Sonnenauf- und Untergänge, die wir gemeinsam genossen haben? Und an die klaren Nächte mit ihren zahlreich glitzernden Sternen am Firmament? Ich habe diese Momente mit dir genossen und sie in mein Gedächtnis kopiert, immer abrufbar, wenn mir danach ist.

Aber ich habe nicht nur die guten Erlebnisse gespeichert. Ich weiß noch genau, dass du nicht immer freundlich zu mir warst. Eher ganz schön launisch. Hast mich und mein Schiff herum geworfen, wie es dir gefiel. Klar, ich weiß, dass du nicht alleine die Schuld dafür trägst. Es waren diese enormen Stürme, die deine Nerven strapazierten und dich zornig werden ließen. Doch musste ich mein ganzes Können abrufen, um gegen deine Wutausbrüche standzuhalten und letztendlich nicht in die Tiefen deines Körpers zu versinken und als Fischfutter zu enden. Eine sich immer wiederholende Prüfung, die ich in den vierzig Jahren glücklicherweise bestand.

Doch nicht nur die Momente mit dir sind viel zu schnell vergangen. Auch meine Lebensjahre schritten in rasantem Tempo voran, bis ich mich schließlich als Greis wiederfand. Rheuma hat meine Hände befallen und macht es mir unmöglich, je wieder mit dir auf spannende Reisen zu gehen.

Bevor ich mich aber in meinem Sessel zur Ruhe setze, möchte ich dir noch etwas mitteilen. Es ist der Grund, aus dem ich zu Papier und Stift gegriffen habe und dir diesen Brief schreibe. Mein Herz morste es mir schon vor Jahren, doch ich habe die Signale nicht verstanden, das Feuer in mir nicht wahrgenommen, allein schon wenn ich an dich denke. Egal ob an deine positiven Seiten, als auch deine negativen. Sie zeichnen dich aus und verkörpern dich. Sie machen mehr aus dir als nur Abermillionen Liter Wasser. Sie formen aus dir eine Frau. Meine Frau.

Ich werde dir den Brief per Flaschenpost zukommen lassen, damit deine Neugier ihn nicht gleich durchnässt.

Mach`s gut. Und wenn ich noch eine Möglichkeit bekomme, werde ich dich an deinen Ufern besuchen kommen.


Dein treuer alter Seebär.

 

 

© Markus Gerbl, 2011