Tanz mit dem Tod

Langsam setze ich einen Fuß vor den Anderen. Mein Atem schnappt unruhig nach Sauerstoff, während mein Herz zum Zerreißen gespannt ist. Aufregung? Sicher, doch schlucke ich sie mit dem nächsten Atemzug herunter und konzentriere mich wieder auf die Koordination der Balance und dem Zusammenspiel zwischen Geist, Körper, den Gesetzen der verschiedenen Kräfte, dem Element Wind, die Steigung und meinem schmalen, leicht schwankendem Standuntergrund. Die kleinste Fehlberechnung kann meine Letzte bedeuten, deshalb muss jeder Schritt zu Hundertprozent passen. Ich richte meinen Blick starr in einem 90 Grad Winkel zur meiner Brust aus und setze in einem gleichmäßig langsamen Tempo weiterhin einen Fuß vor den Anderen. Die Distanz zum Ziel ist noch lang, aber nicht Unendlich und dass Schöne, für das ich diese ganze Mühe und das Risiko auf mich nehme, ja monatelang mich vorbereitet habe, ist der Ruhm in Form eines Weltrekord, der am Ende auf mich wartet.

 

Zum waghalsigen Balanceakt des Schweizer Hochseilartisten Freddy Nock, der auf einem Drahtseil der Gondelbahn, eine Distanz von 995 Metern zur Zugspitze hoch zurückgelegt hat, ohne Sicherung.

 

Mutig oder lebensmüde?

In meinen Augen beides.

 

 

© Markus Gerbl, 2011